Samstag, 21. März 2015

Meine Seele hinkt

Heute möchte ich über ein Thema schreiben, das mich schon seit dem Beginn meiner Erkrankung am Guillain-Barré-Syndrom beschäftigt. Das war vor eineinhalb Jahren. Seitdem schwelt es unter der Oberfläche und will jetzt offenbar zum Vorschein kommen.
Es geht um die Scham.
Damit meine ich aber nicht die natürliche Scham vor Nacktheit. Nackt zu sein bin ich inzwischen gewöhnt. Seit Juni 2013 werden an mir Untersuchungen durchgeführt, einzelne Teile meines Körpers wurden zu Dokumentationszwecken fotografiert, und ich bin nach wie vor pflegebedürftig, zumindest teilweise. Ich kann mir den Oberkörper zwar selbst waschen, nicht aber den Intimbereich, den Rücken und die Beine. Ich könnte es zwar mit vielen Verrenkungen, bin aber froh, dass es für mich gemacht wird. Dazu kommen noch die Katheter- und Stomapflege.
All das hat es mir schon sehr früh auf der Intensivstation abverlangt, jegliches Schamgefühl abzulegen. Interessanterweise fiel mir das nicht einmal schwer. Ich hatte ja auch keine andere Wahl. Sollte ich mich genieren, wenn junge Krankenschwestern meinen nackten Körper sahen und wuschen? Nein. Das habe ich nie getan. Dafür war mein Nervenkostüm viel zu löchrig. Selbst das Wechseln oder Saubermachen des Stomas im Beisein der Zimmerkollegen hat mich nicht gestört. Es war nunmal notwendig. Das ist es auch heute noch, obwohl ich hier im Behindertendorf in Altenhof ein eigenes Zimmer habe.
Nein, es ist nicht die Scham vor der Entblößung meiner intimsten Körperstellen, es ist etwas anderes. Etwas, womit ich nicht gerechnet habe, als ich noch im Krankenhaus auf der Intensivstation und auf der Neuro lag. Es begann erst im Reha-Zentrum am Gmundnerberg, aber selbst dort war es noch nicht so ausgeprägt wie jetzt. Mittlerweile belastet es mich doch sehr, und ich mache mich dadurch selbst zum Aussenseiter.
Es ist die Scham vor der Genesung.
Ich habe in einem früheren Blogartikel schon über die Angst vor dem Gesundwerden geschrieben. Über die ganzen Veränderungen, die dann auf mich zukommen werden und die Ungewissheit, was mir die Zukunft bringen wird. Aber Angst ist nur ein Teil des Gefühls, das ich gegenüber meinem Heilungsprozess habe. Vielleicht ist sie nicht einmal der bedeutendste Teil.
Viel wichtiger, weil so schwer zu begreifen, sind die Schuldgefühle, die ich bei der Aussicht auf Gesundung habe. Ich habe die besten Chancen, aus dem Rollstuhl wieder rauszukommen. Ich müsste nur mehr und etwas härter trainieren, mich mehr bemühen und richtig anstrengen.
Aber das tue ich nicht.
Gut, in der Vergangenheit hatte es noch körperliche oder technische Gründe. Entweder fühlte ich mich noch nicht sicher genug oder hatte Probleme mit meinem Katheter, der mir dann äußerst unangenehme Gefühle bescherte. Das hat mich davor zurückschrecken lassen, mich vor die beiden Stützstangen im Bad zu stellen, aufzustehen und meine Schrittübungen zu machen. Inzwischen habe ich festgestellt, dass das Training keine Probleme körperlicher oder technischer Art verursachen. Auch meine Unsicherheit und die Angst zu fallen sind weg.
Ich glaube, dass ich unterbewusst mein Training sabotiert habe, weil ich befürchtet habe, zu schnell wieder auf die Beine zu kommen. Diese Befürchtung habe ich jetzt noch.
Aber warum?
Ich möchte noch einmal kurz meine gegenwärtige Lebenssituation und mein Umfeld beschreiben. Ich habe das zwar schon in anderen Blogartikeln getan, aber zum besseren Verständnis dieses Textes hier eine kurze Übersicht.
Ich, Markus Gregory Pärm, 45 Jahre alt und im Jahre 2013 am Guillain-Barré-Syndrom erkrankt, lebe in einem kleinen Dorf für Menschen mit Beeinträchtigungen in Altenhof am Hausruck in Oberösterreich. Offiziell wird das Wort Beeinträchtigung verwendet, aber Behinderung oder Behinderter darf man auch sagen. Seit gut einem Jahr bin ich jetzt hier, habe hier meine größten Erfolge, meine schlimmsten Ängste und den furchtbarsten Moment in meinem Leben erlebt.
Hier, in Altenhof, bin ich zum ersten Mal selbstständig und aus eigener Kraft aus dem Rollstuhl aufgestanden, hier habe ich meine ersten zögerlichen drei Schritte gemacht, hier habe ich viele wunderbare Menschen kennengelernt, die mich entweder pflegen oder therapieren oder aber selbst hier wohnen, hier habe ich Angstanfälle, Depressionen und Schmerzen kennengelernt, und hier habe ich über die Mailbox meines Handys von meinem Bruder erfahren, dass meine Mutter gestorben ist.
In den gesamten 44 Jahren davor habe ich nicht so viele außergewöhnliche, beängstigende, hoffnungsvolle, schöne, schreckliche und todtraurige Dinge erlebt wie hier, im Behindertendorf Altenhof.
Ich kann nicht sagen, dass das Dorf zu meiner Heimat geworden ist, ich fühle mich hier auch nicht als Fremder, aber ich unterscheide mich von allen anderen Bewohnern in Altenhof in einem wesentlichen Punkt:
Ich bin gekommen, um zu gehen.
Wortwörtlich.
Ich bin hier, um aus dem Rollstuhl aufzustehen und das Gehen wieder zu erlernen. Die anderen Menschen hier im Dorf haben diese Möglichkeit nicht. Zumindest nicht, soviel mir bekannt ist. Immer wieder versterben Bewohner. Fast jede Woche sehe ich eine schwarze Fahne am Fahnenmast vor dem Haus. Ich begegne hier vielen leidenden, aber auch unglaublich optimistischen und lebensfrohen Menschen. Mein Ergotherapeut Johannes hat mir kürzlich gesagt, dass er niemanden hier im Dorf kennt, der sich selbst als krank bezeichnen würde. Ich will es ihm glauben, obwohl es für mich sehr schwer vorzustellen ist.
Dieser Umstand, dass ich der Einzige hier bin, der wieder gesund wird, hat dazu geführt, dass ich mich doch weitgehend isoliere und in mich selbst zurückziehe. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Das liegt nicht an den Menschen hier, sondern ausschließlich an mir selbst.
Worüber soll ich mit einem schwer behinderten Menschen reden? Soll ich ihm von meinen Fortschritten erzählen und dass ich inzwischen problemlos aus dem E-Rolli aufstehen kann, vorausgesetzt ich habe etwas zum Abstützen und festhalten? Soll ich damit prahlen was ich wieder alles kann, wie zum Beispiel einen Viererpack 1, 5-Liter-Flaschen Cola aufzuheben, wo ich doch vor eineinhalb Jahren noch nicht einmal einen leeren Joghurtbecher auch nur einen Millimeter über die Tischplatte heben konnte, weil die Lähmung noch zu stark und die Muskeln noch zu schwach waren?
Das kann ich nicht. Und das will ich auch nicht. Aber früher oder später würde es in einem Gespräch wohl passieren, oder man würde mich fragen. Was soll ich dann erzählen? Was für ein unbeschreiblich schönes Gefühl es ist, wenn die Kraft in den Beinen wieder zurückkommt? Oder auch nur der Hauch eines Gefühls auf der Haut?
Eine Bewohnerin hat mich in den letzten Monaten mehrmals darauf angesprochen, ob ich Interesse hätte, dieses Jahr nach Lourdes mitzukommen. Es wird alles von Assista organisiert, und es fliegen ein paar Dutzend Krankenschwestern mit, die sich um Katheter, Stoma, Pflege und den Rollstuhl kümmern würden. Ich habe abgelehnt, mit der Begründung, ich hätte Angst vor dem Fliegen, und das Ganze sei mir zu anstrengend. Das stimmt zwar beides, aber es ist nur ein Teil der Wahrheit.
Um geheilt zu werden, muss ich nicht nach Lourdes fliegen, ich muss nur mit dem E-Rolli ins Bad fahren, mich an die Stützstangen stellen und mein Training machen.
Aber ich tue es nicht.
Oder zumindest nur selten.
Ich weiß nicht, wie verrückt es ist, einen Genesungsschuldkomplex zu haben, aber ich weiß, dass ich ganz bestimmt einen habe. Ich habe hier Menschen gesehen, denen es im Laufe des letzten Jahres immer schlechter ging, bis sie schließlich gestorben sind. Ich hingegen werde wahrscheinlich nicht mehr sehr lange brauchen, um nicht mit dem elektrischen Rollstuhl ins Esszimmer zu fahren und mein Ragout mit Semmelknödeln in mich hineinzulöffeln, sondern auf meinen eigenen Füßen mit dem Rollator hineinzugehen.
Im Grunde ist es nur eine Frage des Trainings. Im Schweiß liegt der Unterschied zwischen üben und trainieren, hat mein Physiotherapeut Wolfgang gesagt. Er hat recht. Genau das sollte ich tun: Täglich trainieren.
Aber ich tue es nicht.
Auch hier bitte ich Sie, mich nicht falsch zu verstehen. Ich will nicht herumjammern, wie arm ich doch bin, weil es mir so gut geht und was für ein schweres Schicksal es doch ist, vom vollständig gelähmt sein wieder aus dem Rollstuhl aufstehen zu können. Aus eigener Kraft und auf eigenen Füßen, um diese Floskel zu verwenden. Zugegeben, ein prall gefüllter Stomabeutel ist eine gewisse Belastung, aber eher für alle anderen Menschen, als für mich selbst. Natürlich will ich den Stoma wieder loswerden und die Nahrung auf natürliche Art dem Kreislauf der Natur übergeben, aber solange ich ihn habe bin ich dankbar dafür. Wie oft wünscht man sich schnell eine Toilette herbei, befindet sich aber leider mitten auf einem mit Menschen angefüllten Stadtplatz oder in einem Kino? Ich weiß, dass es tragbare Toiletten gibt, aber möchten Sie sich da draufsetzen, während Sie in Salzburg über den Residenzplatz schlendern oder sich im Kino "Shades of Grey" ansehen?
Ich habe meine Campingtoilette direkt am Bauch angebracht.
Leider geil.
Doch zurück zum wahrscheinlich dümmsten Komplex der Welt: dem Schuldkomplex des Genesenden. Heilungsscham. Ich weiß, wie absurd es ist, sich dafür zu schämen, dass man wieder gesund wird, während andere krank oder behindert bleiben müssen.
Aber genau das tue ich.
Ich habe bisher mit niemandem darüber gesprochen. Ich weiß ja, was man mir sagen würde. Dass es absurd ist. Und dass ich diese Schuldgefühle nicht haben muss.
Aber ich habe sie trotzdem.
Wie genau die unterbewussten Mechanismen der Heilungsverzögerung und der Selbstsabotage funktionieren, weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, dass ich es nicht absichtlich tue. Natürlich will ich gesund werden. Natürlich will ich wieder das Gras unter meinen Fußsohlen spüren und das Wasser des Attersees und der Adria auf meiner Haut. Ich möchte wieder einen Schneemann bauen, ein Glas Wasser mit einer Hand halten und daraus trinken ohne hinsehen zu müssen. Ich möchte wieder im Supermarkt in der Schlange stehen und mich im Bett im Halbschlaf von einer Seite auf die andere drehen. Einfach so.
Aber ich will dabei keine Schuldgefühle haben.
Ich glaube, ich bin der einzige werdende Ex-Behinderte in Altenhof. Nicht, dass das ein besonders schweres Schicksal wäre, aber es ist eine Tatsache, die mich blockiert. Und so einfach ansprechen kann ich sie auch nicht. Es gibt zwar viele Helfer, denen ich voll vertraue, aber das ist doch ein heikles Thema. Außerdem bin ich mir noch immer nicht sicher, wie bedeutend es wirklich ist.
Mein größtes Problem im Moment ist, dass ich mich selbst als gesunden Menschen noch nicht sehen kann. Es erscheint mir viel zu irreal zu glauben, dass ich einfach über den kleinen Platz zum Hauptgebäude gehen kann, oder die Straßen zwischen den Häusern entlang, hinunter zu dem kleinen Teich mit den Fischen, die aussehen wie Kois, aber keine sind. Ich frage mich, ob ich jemals das Reha-Service betreten werde. Betreten. Nicht mit dem E-Rolli hineinfahren, um den Reifendruck messen oder eine Sitzkissenanpassung machen zu lassen. Einfach reingehen, locker in die Runde grüßen, ein bisschen plaudern und mich an die alten Zeiten erinnern, als ich im Winter hierherfuhr, Angst hatte, eine Blasenentzündung oder eine Nierenbeckenentzündung zu bekommen, weil es draußen so kalt ist und ich friere und zittere und keinen Schneemann bauen kann, weil ich im Rollstuhl sitze und weil es in diesem Winter nicht schneit, sondern regnet.
Wie werde ich mich fühlen, wenn ich an den Rollstuhlfahrern vorbeigehe? Wie werden sie mich ansehen? Was werden sie denken? Sie werden sicher nicht neidisch sein, dafür schätze ich die Bewohner von Altenhof zu hoch ein.
Aber vielleicht irre ich mich.
Werde ich glücklich sein, wenn ich wieder gehen kann?
Ja, das werde ich.
Werde ich glücklich auf dem Weg dorthin sein?
Vielleicht. Wenn ich Glück habe.
Und wie überwinde ich die Scham der Genesung? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich entweder die Scham überwinden muss, oder sie wird mich niederdrücken. In den Rollstuhl, in die Depression, in die Angst vor mir selbst.
Kein sehr optimistisches Schlusswort, oder? Übrigens schreibe ich diesen Text, weil Sie sich darin vielleicht wiedererkennen. Vielleicht leiden auch Sie am Guillain-Barré-Syndrom. Oder sie kennen die Schuldgefühle des Überlebenden aus einem anderen Grund. Viele Menschen sind am Guillain-Barré-Syndrom gestorben. Ich nicht. Bin ich deshalb etwas Besseres? Sicher nicht. Oder doch? Darf ich so denken? Darf ich mich den Anderen überlegen fühlen? Den Kranken und den Toten?
Als ich auf der Intensivstation aufwachte und nicht mehr war als ein Kopf, hätte ich nie geglaubt, dass mich jemals solche Gedanken plagen würden. Ich wollte nur Eines: wieder gesund werden. Jetzt ist dieses Ziel in greifbarer Nähe, ich spüre die Zielbanderole sogar schon an meinen Fingerspitzen.
Meine Füße wollen über die Ziellinie, aber meine Seele hinkt.
Habe ich es überhaupt verdient, gesund zu werden? Im Vergleich zu anderen Menschen, denen es viel schlechter geht, die viel mehr leiden und die viel bessere und umgänglichere Menschen sind als ich.
Ich weiß, dieser Blogbeitrag ist keine große Motivation für  GBS-Leidensgenossen und andere Betroffene. Aber ich wollte einen kleinen Einblick in die schräge Gedankenwelt eines werdenden Ex-Behinderten geben. Vielleicht lesen Sie diese Zeilen selbst in einem Rollstuhl oder einem Krankenbett. Oder sie bekommen sie vorgelesen. Wie auch immer, ich hoffe, diese Zeilen spenden Ihnen ein bisschen Trost und geben Ihnen etwas Hoffnung, weil Sie sich in meiner Welt wiedererkennen.
Ich habe keine Antworten auf all die Fragen, die mich beschäftigen. Noch nicht. Vielleicht finde ich sie unterwegs. Möglicherweise nicht. Vielleicht werde ich gesund, ohne die große Weisheit zu erlangen.
Aber wenn ich auch nur den Hauch einer Antwort auf meiner Haut spüre, lasse ich es Sie wissen.
Das tue ich ganz bestimmt!

Samstag, 14. März 2015

Antibiotika - Gegen das Leben?

Was tut man, wenn man sich als Patient überfordert fühlt? Wenn man nicht weiß, ob die Entscheidung eines Arztes richtig war? Nicht, weil er nichts von seinem Metier versteht, sondern, weil er einen als Patient gerade erst kennen gelernt hat.
Mir ging es kürzlich so mit einer jungen Ärztin, die als Vertretung meines Hausarztes zu mir kam. Sie war sympathisch, verständnisvoll und strahlte eine Aura der Kompetenz aus. Ich zweifle auch gar nicht daran, dass sie auf ihrem Fachgebiet sehr gut ist. Aber mein Hausarzt kennt mich mittlerweile schon seit einem Jahr, und er weiß nicht nur, dass meine Primärerkrankung das Guillain-Barré-Syndrom ist, sondern auch, dass ich doch immer wieder mit den einen oder anderen seelischen Problemen, sprich Ängsten, zu kämpfen habe.
Kurz zusammengefasst der Grund, warum diese Ärztin bei mir auf Visite war: Ich hatte einen leichten grippalen Infekt, kein Fieber, keine Kopf- oder Halsschmerzen, aber etwas Husten und ein allgemeines Gefühl der Abgeschlagenheit. Dazu noch einen leichten Harnwegsinfekt.
Nun ist es bei Harnwegsinfekten so, dass sie sich ausbreiten und über die Harnwege das Nierenbecken infizieren können, das sich dann entzündet. Das ist eine schwere Komplikation, die tödlich enden kann. Es war nicht mein erster Harnwegsinfekt, als Träger eines transurethralen Dauerkatheters ist das unvermeidlich. Eine latente Keimbesiedlung hat man dabei sowieso ständig. Solange man aber keine Schmerzen und kein Fieber hat, ist selbst ein HWI ungefährlich.
Dieser Harnwegsinfekt war nicht mein erster in den letzten eineinhalb Jahren, aber die Angst vor einer Nierenbeckenentzündung schwebt immer über mir. Im Zuge meiner GBS-Erkrankung wäre ich schon so oft fastgestorben, dass mich der Gedanke an den Tod sehr beängstigt. Er war mir schon viel zu oft viel zu nahe.
Also neige ich dazu, immer brav ja und amen zu sagen und alles abzunicken, was mir die Ärzte empfehlen oder verschreiben. Auch ein hochdosiertes Breitbandantibiotikum über einen Zeitraum von sieben Tagen.
Das Antibiotikum hatgewirkt, keine Frage. Sowohl der grippale Infekt als auch der Harnwegsinfekt verschwanden. Jeden Tag ein bisschen mehr.
Gleichzeitig aber passierte etwas, das ich als Nebenwirkungen des Antibiotikums betrachte. Ich wurde immer depressiver und verängstigter. Noch mehr, als ich es seit dem Ausbruch meiner Krankheit sowieso schon bin. Leider gehöre ich nicht zu den Menschen, die das Negative ignorieren und sich auf das Positivekonzentrieren können. Ich sehe das Gute durchaus, aber meine Freude an Genesung und Fortschritten wird immer von dunklen Gedanken überschattet.
Es ist, als würde ein nasskalter grauer Mantel über allem liegen. Er hüllt mich ein und nimmt mir meine Bewegungsfreiheit und die Luftzum Atmen. So fühle ich mich oft, aber dieses eine Antibiotikum hat diesen Zustand offenbar noch verschlimmert. Ich lag im Bett und wareingefangen in einem erdrückenden Gefühl der Beklemmung. Es war eine Bedrohung, die auf mich lauerte, die ich aber nicht in Worte fassen konnte. Ich wusste, dass ich an dem grippalen Infekt und dem HWI nicht sterben würde, aber trotzdem war diese Furcht allgegenwärtig. Dazu kamen noch kleinere Nebenwirkung wie der Verlust meines Geruchs- und Geschmackssinns, Müdigkeit, Benommenheit, Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Depressionen und eine Pilzinfektion an der Haut der Oberschenkel.
All das hätte mich nicht gestört, wenn ich nicht ständig die Sense des Todes im Nacken gehabt hätte.
Aber man riet mir, das Antibiotikum über die verordnete Zeitdauer zu nehmen, also tat ich es. Zwar nahm ich mir am Abend vor dem Einschlafen vor, es am nächsten Tag abzusetzen, aber Krankenschwestern- und Pfleger sagten, es wäre besser, es zu Ende zu nehmen, damit sich keine Resistenzen bilden
Die meisten von uns kennen das: Wir haben eine entzündliche Erkrankung leichter- bis mittelschwerer Art wie eine Erkältung oder einen Harnwegsinfekt. Die Symptome sind nicht besonders stark, aber wir bekommen trotzdem Antibiotika verordnet.
Gut, zugegeben, ich weiß nich, ob Sie das kennen, aber ich genne es zur Genüge.
Nach Empfehlung der Ärzte sollte man Antibiotika mindestens sieben Tage lang einnehmen. Das vorzeitige Absetzen der Medikamente könne dazu führen, dass es zu einem Rückfall kommt, oder, dass sich Resistenzen bilden, das heisst, dass sich die Keime, die man eigentlich bekämpfen will an das Antibiotikum gewöhnen und es bei der nächsten Einnahme nicht mehr wirkt.
Nun gibt es aber Experten für Infektionserkrankungen, die diese Ansicht nicht vertreten und sogar als falsch betrachten. Einer davon ist Jan Prins vom Academic Medical Center in Amsterdam. Seiner Ansicht nach reichen bei den meisten Erkrankungen drei Tage Einnahme aus. Längeres Einnehmen eines Antibiotikums könne sogar zur Bildung von Resistenzen führen.
"Die Angst, dass semi-resistente Krankheitserreger im Körper zurückbleiben, ist unbegründet", sagt Jan Prins.
So können Sie es auf der Webseite medizinauskunft.de nachlesen. Hier der Link:
http://www.medizinauskunft.de/artikel/diagnose/krankheiten/Infektionen/13_06_antibiotika.php
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Was ich in diesem Blogartikel schreibe ist kein Aufruf zum Absetzen der Antibiotika, die Ihnen verordnet worden sind! Sie würden grob fahrlässig handeln, weil Sie die Folgen des Therapieabbruchs nicht abschätzen können. Aber handeln Sie eigenverantwortlich. Wenn die Nebenwirkungen sie so sehr quälen, dass sie Ihnen ein normales Leben unmöglich machen, sollten Sie sich unbedingt bemerkbar machen.
Kontaktieren Sie Ihren Arzt, sagen Sie es den Krankenschwestern und Krankenpflegern, Ihren Therapeuten oder den Menschen in Ihrem privaten Umfeld. Wenn Sie sich im Krankenhaus oder einer ähnlichen Einrichtung befinden und unter medizinischer Aufsicht stehen, beziehungsweise professionelle Hilfe jederzeit erreichbar ist, haben Sie es natürlich leichter, als wenn Sie alleine leben. Da ich noch nie in der Situation war, in medizinischen Krisenmomenten allein zu sein, kann ich Ihnen nicht genau sagen, was Sie in diesem Fall tun sollten. Auf jeden Fall sollten Sie immer die Möglichkeit haben, einen Notruf zu tätigen. Halten Sie Ihr Handy aufgeladen und griffbereit. Es gibt auch Armbänder mit einem Notrufknopf. Da erkundigen Sie sich am besten bei Ihrem Arzt.
Wenn Nebenwirkungen eines Antibiotikums oder anderen Medikaments Ihnen über Gebühr zu schaffen machen, verheimlichen Sie das auf keinen Fall. Sie müssen keine Angst haben, den Krankenschwestern oder Ärzten deswegen in den Ohren zu liegen. Man wird Ihnen gerne helfen.
Verlieren Sie das Vertrauen nicht! Denken Sie immer daran, dass professionelle Hilfe immer für Sie da ist. Machen Sie sich also bemerkbar. Und wenn sie vom Kopf bis zu den Füßen gelähmt sind und keinen Notrufknopf drücken können, schreien Sie! Auch, wenn Sie in einem Krankenzimmer sind und die diensthabende Schwester direkt vor der Tür steht.
Leider ist es so, dass viele Menschen kein Problem damit haben, nach Schmerzmitteln zu fragen, aber wenn sie seelische Probleme haben und Ängste durchleben, die einem das Gefühl geben, als wäre man in einem Eisblock eingeschlossen, haben sie plötzlich Hemmungen. Man spricht eben nicht über psychische Nöte. Die Hemmschwelle ist groß. Das war auch bei mir so. Ich habe monatelang meine Angstanfälle und quälenden Depressionen mit Worten beschrieben, wie "ich bin schlecht motiviert" oder "ich kann mich schlecht aufraffen". 
In Wirklichkeit hatte ich eine unglaubliche undefinierbare Angst. Angst davor, dass mir doch noch etwas passiert, nachdem ich schon so viel überstanden hatte. Angst, nie wieder gehen zu können. Und natürlich Angst zu sterben. Todesangst. Nicht nur als Nebenwirkung von Antibiotika oder anderen Medikamenten, sondern als ständige Begleiter auf meinem sogenannten Genesungsweg.
Körperlich ging es mir immer besser und besser, aber seelisch ging ich langsam zugrunde.
Wussten Sie, dass Antibiotika als Nebenwirkung Todesangst auslösen können? Ich auch nicht. Jetzt weiß ich es. Es ist eigentlich ja auch kein Wunder, denn das Wort Antibiotikum bedeutet "gegen das Leben".
Vielleicht sind Ängste für Männer ein größeres Problem als für Frauen. Ich glaube, dass Frauen leichter darüber reden können, aber wir Männer wollen Cowboys sein, und darum greifen wir gerne zur Flasche statt zum Telefonhörer, um Hilfe zu suchen. Früher, als ich noch gesund war, habe ich meine latenten Ängste und Sorgen, die mich nie richtig belastet haben, mit Hektolitern Bier weggespült. Das hat nicht nur meiner Figur geschadet, sondern auch meinem Selbstwertgefühl. Als ich dann am Guillain-Barré-Syndrom erkrankte und aufder Intensivstation die weiße Zimmerdecke betrachtete, war nicht nur das Bier aus meinem Leben verschwunden, sondern auch jegliches Selbstvertrauen und der Glaube an meine körperlichen und mentalen Fähigkeiten.
Ich wurde zu eine verängstigten Tier, das gewaschen und gefüttert werden musste.
Verstehen Sie bitte auch das nicht falsch. Man hat mich nicht so behandelt. Behandelt wurde ich wunderbar, sowohl medizinisch als auch menschlich, und ich werde mein Leben lang all den liebevollen und fleißigen Menschen dankbar sein, die mein Leben und meine Seele gerettet haben.
Aber gefühlt habe ich mich wie ein schiffbrüchiger in einem tosenden Ozean der Hilflosigkeit. Ich war vollkommen machtlos. Mein Kontrollverlust war absolut. Ich konnte nichts tun, wollen, beitragen oder gar entscheiden. Nicht einmal, ob ich ein Glas Wasser trinken durfte. Wegen der Dialyse. Psychologen sagen, dass es der Kontrollverlust ist, der für viele oder sogar die meisten Ängste verantwortlich ist, und ich stimme damit überein. Egal, ob man in einem Flugzeug sitzt oder gelähmt auf der Intensivstation liegt, es ist das Gefühl, total ausgeliefert zu sein, das einen so fertigmacht.
Genau das war immer der Kernpunkt meiner Angst. Dieses Gefühl, absolut nichts machen zu können. Egal, wie ich mich drehen oder wenden will, an allen Seiten stoße ich gegen eine undurchdringliche Mauer aus Eis. Es umschließt mich, es fesselt mich, es lässt mich erfrieren. Selbst jetzt, in einer Phase meiner Krankheit, in der die letzten Reste der Lähmung fast vollständig beseitigt sind, habe ich dieses Gefühl noch. Zuletzt wurde es durch das Antibiotikum ausgelöst.
Spatzenfutter. Das ist mein neues Wort für Antibiotika bei Infekten ohne Schmerzen und Fieber. Sieben Tage hochdosierte Breitbandantibiotika, die Übelkeit, Angst, Depressionen, Geruchs- und Geschmacksstörungen sowie Pilzinfektionen und Müdigkeit auslösen, sind nichts anderes als die berühmten Kanonen, mit denen man auf Spatzen schießt. Der Patient wird mit den Tabletten gefüttert, und es ist, als würde man ein Zündholz zum Löschen in einen Orkan werfen.
Und allgegenwärtig ist das Schreckensbild der Resistenz! Das Absetzen eines Antibiotikums ohne Zustimmung des Arztes sei gefährlich, unverantwortlich und unvernünftig. Mich erinnert das an Francisco de Goyas berühmtes Bild "Saturn frisst seine Kinder". Als würde das unvernünftige Absetzen eines Antibiotikums, das einen mehr quält als die letztlich harmlose Krankheit, die es ausheilen soll, sofort das Ungeheuer Resistenz auf die Bühne zaubern, das damit beginnt, die Gesundheit und das Leben des Patienten zu verschlingen.
Wenn man in der Früh aufwacht und das Leben nur noch ein bodenloser schwarzer Sumpf ist, sollte man beginnen, mit den Armen zu rudern und um Hilfe zu schreien. Ich war kurz davor, dieses Antibiotikum eigenmächtig abzusetzen, und ich kann Ihnen genau sagen, was mir, meinen Bronchien, meiner Lunge, Meiner Harnblase und dem schreckenumrankten Nierenbecken passiert wäre:
Nichts.
Es wäre schlicht und ergreifend nichts passiert, ausser, dass ich früher wieder hätte klar denken und wenigstens eine Erinnerung an frühere Lebensfreude empfinden können. Wissen Sie, was das für ein Gefühl ist? Wenn Sie sich zwar daran erinnern können, dass es sowas wie Lebensfreude gibt, aber Sie wissen nicht mehr, wie sie sich anfühlt?
Nein? Gut.
Glauben Sie mir: Die entfernte Erinnerung an Glück ist der kälteste Ort im Universum.

Samstag, 7. März 2015

Dämonengesichter

Auf der Neuro im Krankenhaus, wo ich im Jahr 2013 vier Monate meines Lebens verbrachte, habe ich mit einer Psychologin verschiedene Entspannung- und Visualisierungsübungen gemacht.
Eine davon heisst "Das Innere Team". Man kann diese Übung mit einem Therapeuten, Freunden, Verwandten, aber auch alleine machen. Natürlich ist es am besten, wenn ein erfahrener Therapeut dabei ist. Diese Übung wird nur in Gedanken durchgeführt, man gibt also nichts von sich preis.
Hier eine kurze Zusammenfassung dieser Übung. Ich zitiere aus Wikipedia: "Das Innere Team ist ein Persönlichkeitsmodell des Hamburger Psychologen Friedemann Schulz von Thun. Die Pluralität des menschlichen Innenlebens wird darin mit der Metapher eines Teams und seines Leiters dargestellt. Das soll die Selbstklärung in zwiespältigen Situationen unterstützen und damit die Voraussetzung für eine klare und authentische Kommunikation nach außen bieten."
Und das geht so: Zuerst beginnt man mit Entspannungsübungen. Am besten ist es, dabei im Bett zu liegen, aber sicher kann man das auch im Sitzen machen. Wenn Sie meditieren, werden Sie ihre bevorzugte Körperhaltung kennen. Ich hatte damals keine Wahl, denn mit den Resten einer ausgeprägten Tetraparese hat man nicht die Wahl, ob man sitzen oder liegen will. Zumindest nicht aus eigener Kraft. Eine Tetraparese ist eine Lähmung aller vier Gliedmaßen. Die Arme konnte ich damals zwar schon bewegen, aber ich konnte weder greifen, noch hatte ich auch nur die geringste Rumpfstabilität, um frei sitzen zu können.
Also lag ich in meinem Krankenbett, zugedeckt, die Hände auf der Brust und tat, was die junge Frau Magistra mir sagte. Ich schloss meine Augen, atmete gleichmäßig und ruhig und konzentrierte mich vom Kopf bis zu den Zehen auf meinen Körper. Ich sollte ihn so gut wie möglich entspannen und wahrnehmen. Den Körper zu entspannen ist beim Guillain-Barré-Syndrom kein Problem, denn es ist eine schlaffe Lähmung, und Spastiken hatte ich nur in den Händen. Darum sind auch jetzt meine Finger noch etwas verkrümmt, während ich diese Zeilen mit zwei Zeigefingern in mein iPad tippe.
Mit der Wahrnehmung sah es schon ganz anders aus. Ich spürte so gut wie nichts von meinem Körper, außer Hüftschmerzen und den transurethralen Dauerkatheter in meiner Harnblase. Den habe ich immer noch. Nicht denselben, aber das gelbe Scheusal ist im Laufe der letzten eineinhalb Jahre zu meinem besten Feind geworden.
Zurück zur Therapieübung. Frau Magistra Josefa sagte zu mir, ich solle mir vorstellen, ich würde in einem Raum an einem Tisch sitzen. Ich stellte mir einen Konferenzraum vor, wie ich ihn noch von meiner Arbeit als Grafiker aus Werbeagenturen kannte. mir gegenüber befand sich eine Tür, im Raum herrscht eine angenehme Athmosphäre. Ach ja, der Tisch ist rund. Natürlich. Man will ja auf gleicher Ebene miteinander reden.
Aber worüber reden? Und mit wem?
In weiterer Folge stellt man sich vor, wie man selbst den Raum betritt.
Zuerst als Embryo. Dann als kleines Kind. Dann als Teenager. Dann in den Jahren um die Zwanzig. Dann im gegenwärtigen Alter und zum Schluss als alter Mann.
Nach und nach unterhält man sich mit sich selbst in den verschiedenen Stadien seines Lebens. Man befragt sich darüber, wie das Leben zu jenen Zeiten ist, welche Träume und Ängste man hat und wie man sich seine Zukunft vorstellt. Danach verabschiedet man sich von allen Versionen des eigenen Ichs, und die stehen auf und verlassen nach und nach den Raum.
Ich entspanne mich wieder, atme tief und ruhig, und irgendwann sagt Magistra Josefa, ich solle die Augen öffnen und wieder im Hier und Jetzt sein.
Diese Übung "Das Innere Team" hat mich beängstigt. Sehr. Ich habe es meiner Therapeutin nicht gesagt, aber die Vorstellung, mit mir selbst zu reden und die Geschichten meines Scheiterns, meiner verlorenen Illusionen und zerbrochenen Träume zu hören, zehrten mehr an meinen Nerven als das Guillain-Barré-Syndrom.
Besonders der Embryo ist unheimlich, wie er winzig und verkrümmt, mit einem Gesicht wie E. T. auf einem rollbaren hohen Kinderesstisch sitzt und mich anlächelt. Er gestikuliert mit seinen Ärmchen und sagt mir, dass er mich lieb hat. Trotz meiner Lähmung zittere ich am ganzen Körper.
Ich mag meine Therapeutin Josefa. Sie ist sympathisch und kompetent. Ich freue mich immer, wenn sie mich besucht und mir mehrere Übungen vorschlägt, von denen ich mir eine aussuchen kann. Aber an diesem Tag bin ich froh, als sie wieder geht.
Inzwischen führe ich die Übung mit dem Inneren Team auf meine eigene Art durch. Auch dabei liege ich im Bett. Ich stelle mir Momente aus meinem Leben vor, in denen ich traurig, verletzt oder enttäuscht war. Ich suche mir ein Lebensalter aus, zum Beispiel, als ich Volksschüler war.
Ich stehe auf dem Schulweg zur Volksschule in Seewalchen am Attersee. Ich bin acht oder neun Jahre alt. Da gibt es ein Mädchen, in das ich sehr verliebt bin. Sie heisst Yvonne, hat wunderschöne lachende Augen und brünette Zöpfe. Es ist ein Regentag. Natürlich. Here' s That Rainy Day. Der Schultag ist vorbei, und ich bin auf dem Heimweg.
Aus irgendeinem Grund drehe ich mich noch einmal um und blicke zurück. Ich glaube zwar nicht an Dämonen, aber falls es sie doch gibt, muss wohl einer neben mir gestanden und mir das eingeflüstert haben. Oder er hat mich umgedreht, damit ich das sehen konnte, was mich bis heute nicht mehr loslässt.
Trivial, vielleicht. Aber ein Teil des Risses in meinem Herzen, der sich bis tief in die Seele zieht.
Mein bester Freund legt Yvonne einen gelben Regenmantel um den Kopf und den Rücken, umarmt sie, und sie gehen beide in die Richtung zu Yvonnes Haus. Ich weiß nicht, ob sie sich unter dem Regenmantel geküsst haben, aber ich könnte schwören, dass sie es getan haben. Und wenn nicht da, dann sicher später. Mich hat Yvonne nie geküsst. Ich war ein dickes Kind. Und unsportlich.
Ich habe damals nicht geweint, sondern mich umgedreht und bin nach Hause gegangen. Es kann auch sein, dass ich beim Fleischhauer Hringer. Neben der Kirche einen Zwischenstopp eingelegt habe, um mir in dem kleinen Geschäft eine Semmel mit aufgeschnittenem kalten Leberkäse und Essiggurken zu kaufen. Fünf Schilling, damals. Die hatte ich immer in der Hosentasche. Ich war ein dickes Kind.
Aber mir kommen heute die Tränen, wenn ich als erwachsener Mensch dem kleinen Buben von damals gegenübertrete, seinen enttäuschten Blick sehe, in die Hocke gehe und ihn in die Arme nehme. Ich tröste ihn. Wir weinen beide.
Dann öffne ich meine Augen und liege wieder in meinem Krankenbett in meinem Zimmer im Behindertendorf in Altenhof am Hausruck und blicke in die Dunkelheit, die nur von der grünen Glühlampe des Akkus an meinem elektrischen Rollstuhl erhellt wird.
Die Tränen sind tröstlich. Manchmal ist weinen schön. Es ist heilsam.
Es gibt viele Versionen von mir in verschiedenen Lebensaltern mit vielen ähnlichen und viel schlimmeren Erlebnissen. Viel schlimmer.
Also noch viele Markusse, die es zu trösten und Dämonen, die es zu bannen gilt.
Aber wissen Sie, was das Schlimmste an den Dämonen meines Lebens ist, an die ich ja gar nicht glaube?
Die Dämonen haben mein Gesicht.

Samstag, 28. Februar 2015

Die Engel am Galgen

Wie viele Engel passen an einen Galgen?
        Es ist oft schwer, mit Hilfe und guten Ratschlägen zurechtzukommen. Ich habe im Krankenhaus, auf der Reha und hier im Behindertendorf Altenhof festgestellt, dass es Menschen gibt, die mich motivieren und mir Mut zusprechen. Zumindest tun sie ihr Bestes. Bei mir ist das schwer, weil ich dazu neige, immer das Negative zuerst zu sehen. Davon gab es in meinem Leben einfach schon zuviel, und das macht mir unmöglich zuerst das Positive und Schöne zu sehen.
        Bei all der Hilfe, die ich durch die wunderbaren Menschen in den letzten eineinhalb Jahren erfahren durfte, ist etwas passiert, womit ich nicht gerechnet habe. Es ist ein Gefühl, dass ich schon sehr früh auf der Intensivstation erlebt habe und dass sich im Laufe der folgenden Monate noch verstärkt hat. Sosehr verstärkt, dass ich sagen muss, dass ich darunter genauso gelitten habe, wie unter dem Guillain-Barré-Syndrom selbst.
Ich wurde zum Opfer meiner Ohnmacht.
Irgendwann fühlte ich mich in diesem wunderschönen und friedlichen Wald aus fachlicher Kompetenz, positivem Denken und ehrlicher Hilsbereitschaft total verloren. Ich war kein Mensch mehr. Ich fühlte mich wie ein Tier, das gewaschen und gefüttert werden muss. Ich war eine Art lebender Toter. Ein untoter Kopf ohne Körper.
Und rund um mich herum waren freundliche Gesichter, die lächelnd auf mich herabblickten und mir jede Hilfe gaben, die man sich nur wünschen kann. Und all diese Hilsbereitschaft und Freundlichkeit war echt. Dahinter steckten keine Geschäftsinteressen und kein Egoismus. Keine Habgier, keine Falschheit und kein Neid.
Ich kannte das nicht. Wir begegnen auf unserem Lebensweg doch so vielen grauen Gestalten. Wer kennt nicht eine Unzahl von schlecht gelaunten, grantigen und pessimistischen Menschen? Sehen wir nicht fast überall finstere Minen und traurige Gesichter? Wie oft sind wir schon nicht gegrüßt worden oder haben es selbst nicht getan? Wir alle neigen doch zum negativen Denken, oder nicht? Wir alle haben doch schon so viele Haare in der Suppe gefunden, dass wir daraus eine ganze Legion aus Yetis schaffen könnten.
So auch ich. Und plötzlich war ich in einer beängstigenden Parallelwelt aus Hoffnung, Aufmunterung und positiven Prognosen. Ohne Scherz, das war beängstigend. Dieses ständige "das wird schon wieder", "gib nicht auf", "du musst positiv denken", "hab Vertrauen" und "es geht bergauf" hat genauso an meinen Nerven gezehrt wie das Guillain-Barré-Syndrom. Ich kam mir hoffnungslos gerettet und behütet vor. Ich wäre damals auf der Intensivstation niemals in der Lage gewesen, ohne Hilfe zu überleben, aber genau diese Hilfe, die Pflege und alle Arten von Therapien haben mich zu 100% abhängig gemacht.
Plötzlich war ich ein Opfer meiner Retter.
Ich weiß, das klingt hart und undankbar, aber es war so. Jede Form der Selbstbestimmung wurde mir durch die Krankheit geraubt. Ich konnte nicht einmal alleine atmen. Ich wurde künstlich beatmet, reanimiert, und das Blut in meinem Körper wurde gewaschen, weil meine Nieren versagt hatten.
Ich bin nicht undankbar, nein. Jeder Arzt, jede Ärztin, alle Krankenschwestern und Krankenpfleger, Therapeutinnen und Therapeuten und alle anderen, die an meiner Rettung beteiligt waren, sind meine Schutzengel. Danke, euch allen! Wirklich!
        *herziundbussischick*
Trotzdem...Es ist nicht leicht, seine Eigenständigkeit zu verlieren. Und so wurde mein Weg für mich scheinbar immer länger, der Berg immer steiler und selbst bei wiederhergestellter Lungenfunktion die Luft immer dünner. Ich wurde immer ängstlicher, deprimierter und hoffnungsloser. Mit jedem Fortschritt. Je fester der Boden unter meinen Füßen wurde, desto schneller verlor ich mich ich im Morast meiner Angst, und je mehr Auftrieb ich hatte, desto tiefer versank ich in einem Meer der Hoffnungsdiktatur.
Ich musste gesund werden wollen. Ich musste wieder gehen können wollen. Ich musste kämpfen wollen und positiv denken wollen. Auch den Satz "du musst es wollen" habe ich gehört.
Ich musste wollen wollen.
Schon bald wollte ich nur noch eines:
Nicht mehr aufwachen.
So habe ich wohl unbewusst und getrieben von Genesungsangst damit begonnen, meine Heilung hinauszuzögern. Ich hätte jederzeit trainieren können. Hier in meinem Zimmer in Altenhof habe ich zwei lange Stützen an der Wand im Bad, an denen ich gut aus dem E-Rolli aufstehen kann. Und wie oft mache ich das? Alle paar Tage. Immer noch. Ich bin mittlerweile viel motivierter als noch vor einem Jahr und kann jetzt schon Dinge tun, an die früher gar nicht zu denken war, wie volle 1,5-Liter-Flaschen Cola vom Boden aufzuheben und auf den Tisch zu stellen. Auf der Neuro konnte ich noch nicht einmal einen leeren Joghurtbecher heben.
Dennoch gewinnt der Pessimismus immer wieder die Oberhand. Beispielsweise kann ich meine Füße noch immer nicht bewegen, also ist für mich der naheliegenste Gedanke: Alles andere ist verheilt oder fast verheilt, aber an den Füßen ist Schluss. Das wird nichts mehr. Wozu trainieren, wenn ich nie wieder richtig werde gehen können?
Also bleibe ich lieber im Rollstuhl sitzen und warte ein paar Tage, bis mein Physiotherapeut Wolfgang kommt und mich wieder motiviert. Er schafft das. Andere auch. Nur einer schafft das nicht:
Ich.
Meine negativen Gedanken umkreisen und belauern mich wie die Vögel in Hitchcocks Film. Nicht nur mein Weg, sondern das ganze Land bis hin zum Horizont ist bevölkert mit schwarzen Vögeln.
Irgendwann habe ich festgestellt, dass die Ängste und Sorgen zwar eine Bedrohung waren, aber sie hatten einen großen Vorteil:
Sie waren da.
Sie sind immer noch da.
Auf mich selbst kann ich mich nicht verlassen, aber die Angst ist da, wenn ich meine Zukunft nicht sehen kann. Ich bin Grafiker, aber ich habe kein Bild von meinem Leben. Meine Vergangenheit habe ich verloren, und meine Zukunft ist unauffindbar. Aber auf die Angst ist Verlass. Sie ist da, auch, wenn ich sie nicht brauche. Sie gibt mir Konsistenz. Meine Angst ist mein Anker im Sumpf.
So dachte ich lange Zeit. Mittlerweile wird mein Blick wieder klarer. Ohne es verschreien zu wollen, aber was meine Krankheit betrifft, kann mir eigentlich nichts mehr passieren. Das Wort eigentlich kann ich nicht leiden, es hat so etwas Schwammiges, als wäre die Zuversicht nur eine Qualle in meinem Sumpf. Aber meine Krankheit hat mich ein bisschen abergläubisch gemacht. Vorsichtshalber nichts verschreien.
Leider führte mich diese Vorsicht in einen Strudel aus negativem Denken, Hoffnungslosigkeit und Schicksalsergebenheit. Wenn man in der Früh aufwacht und als erstes eine Galgen und ein Trapez über sich sieht, ist das nicht gerade eine Motivation, gut gelaunt in den Tag zu starten. Keine Frage, meine Helfer sind meine Schutzengel, aber mein erster Blick fällt jeden Tag auf diesen Galgen und die Engel, die darunter stehen und mich ansehen. Inzwischen macht mir das nichts mehr aus, und die gute Laune kommt auch wieder zurück. Mit kleinen Schritten, so wie ich zurück ins Leben. 
Nur manchmal, in hoffnungsdunklen Nächten, wenn das Licht von draußen durch das Fenster in mein Zimmer scheint, wirft der Galgen ein schwarzes Kreuz an die Wand.
Dann fühle ich mich wie in einem Grab und spüre, wie meine Haare und meine Fingernägel wachsen.
Überkommt Sie gerade ein eiskalter Schauer? Gut. Dann wissen Sie, wie ich mich seit eineinhalb Jahren fühle. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Und da soll man noch positiv denken müssen wollen.
Jetzt, heute, 21 Monate nach dem Ausbruch meines Krankheitsvesuvs, kühlt die Lava allmählich ab, und meine Lebensweg wird wieder begehbar. Meine dunklen Gedanken werden heller, und die Vögel fliegen weg. Sie können mich nicht mehr belagern, denn mit einem haben sie nicht gerechnet:
Die Straße ins Leben ist gesäumt mit Engeln.

Samstag, 21. Februar 2015

Protokolle des Schmerzes

Was erwartet einen Menschen, der die Diagnose Guillain-Barré-Syndrom gestellt bekommt? Was steht Ihnen bevor, wenn Sie aufwachen und vom Kopf bis in die Zehenspitzen komplett gelähmt sind?
In meinem neuen Blog-Artikel beschreibe ich die Ereigniss der letzten eineinhalb Jahre meines Lebens im Telegrammstil.
Kurze Protokolle des Schmerzes, der Angst, der Trauer und der Hoffnung.
Es muss nicht jedem Menschen mit GBS genau so ergehen wie mir, aber meine Geschichte ist durchaus exemplarisch. Genaugenommen ist dies eigentlich kein normaler Blogartikel, sondern nur eine kurze Beschreibung meines Gesundheitszustandes, 21 Monate nach dem Ausbruch meiner Krankheit Guillain-Barré-Syndrom.
Sinn dieser Veröffentlichung ist, betroffenen Menschen, die selbst an GBS leiden, einen Überblick darüber zu geben, wie diese Erkrankung verlaufen kann.
Treten Sie also ein in mein Kopfleben. Nur zur Information: GBS kann jeder bekommen.
        Ohne Vorwarnung.
Darum das Wichtigste vorweg: Fürchtet euch nicht!

• Juni, Juli 2013: Zusammenbruch zu Hause, einige Tage später Einlieferung ins Krankenhaus. Intensivstation. Bewusstlos. Diagnose Guillain-Barré-Syndrom. Vom Hals abwärts bis zu den Zehenspitzen vollkommen gelähmt. Herzstillstand, Wiederbelebung, Darmsepsis, Leberblutungen, Notoperation, Nierenversagen, künstliche Beatmung, Dialyse, Immunglobuline, schöne Gespräche mit Seelsorgerin, Ergo- und Physiotherapie. Ich werde von Krankenschwestern gefüttert. Ich glaube, ich bin kein Mensch mehr. Immer durstig. Darf fast nichts trinken. Träume vom Wassertrinken. Angst, oneiroide Albträume der schlimmsten Sorte, Tränen, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit. Freude: Mama besucht mich! Spritzen zur Thrombosevorbeugung. Physiotherapeuten strecken meine Arme und Beine. Schmerzen. Träume vom Meer. Schön. Sehr langsame Besserung. Ich werde von Krankenschwestern gefüttert.

• August - Dezember 2013: Station für Neurologie. Ein Arzt sagt mir, dass ich vielleicht den Rest meines Lebens gelähmt bleibe. Ich denke mir: Jetzt bin ich nur noch ein Kopf. Weiterhin Therapien, Tabletten, Infusionen, Ängste, Psychotherapie. Freude: Mama besucht mich! Immunglobuline, Katheterwechsel, Antibiotika, noch immer komplett gelähmt mit der Fähigkeit, die Schultern ein bisschen zu bewegen. Ich werde von Krankenschwestern gefüttert. Freude: Mama besucht mich! Harnblasenkrämpfe die ganze Nacht, Angst, Ergotherapie, Physiotherapie in einem Pflegesessel, Katheterspülungen, Motomed-Training, um die Arme zu stärken, elektrische Beinschienen, die die Muskeln und Gelenke durchbewegen, Angst, schöne Gespräche mit Seelsorgerin, Fortschritte, kann linken Zeigefinger minimal bewegen. Freude: Mama besucht mich! Spritzen zur Thrombosevorbeugung. Katheterwechsel, Therapien schlagen an, kann meine Arme bewegen und mich im Bett ein wenig zurechtpositionieren, kann auf dem iPad tippen, Katheterspülungen. Freude: Mama besucht mich! Mehr Fortschritte. Entlassung aus dem Krankenhaus.

• Dezember 2013 - April 2014: Neurologisches Therapiezentrum Gmundnerberg. Eigenes Zimmer, schöne Aussicht, viel Therapie, Besserung, Rollstuhl, Hüftschmerzen, Katheterspülungen, Physiotherapie im Querbett. Ich werde von Krankenschwestern gefüttert. Elektrotherapie der Arme und Beine, kann Arme gut bewegen, Hände noch fast gar nicht, kann nicht greifen, lerne aber wieder selber zu essen und die Zähne zu putzen. Freude: Mama besucht mich! Antrag auf Reha-Verlängerung, Katheterwechsel, Motomed für die Arme, Querbettsitzen, Übungen für die Rumpfstabilität, Antrag auf Reha-Verlängerung, Ergotherapie, Spritzen zur Thrombosevorbeugung. Katheterspülung, Angst, aber nicht mehr so große, kaum Zuversicht, traurig, Keine Spritzen zur Thrombosevorbeugung mehr, Antrag auf Reha-Verlängerung, Aufstehübungen mit Gurt an einem Stehtisch, Internet auf dem iPad, dickes rechtes Bein, Tiefenvenenthrombose im Becken, Gefahr einer Lungenembolie, extreme Todesangst, Katheterwechsel, hohes Fieber, Bettruhe eine Woche lang, zurück in den Rollstuhl, wieder Anti-Thrombosespritzen, Antrag auf Reha-Verlängerung, Zirkumzision, Therapien, Zirkumzisions-Nachoperation, Angst vor Penisamputation, eine Woche Urologie. Freude: Mama besucht mich! Zurück zum Gmundnerberg, Katheterspülung, wenig Lebensfreude, starkes Blutverdünnungsmedikament, Teilexzision rechte Zehe, Antrag auf Reha-Verlängerung abgelehnt, Entlassung.

• April 2014 - Februar 2015: Behindertendorf Assista in Altenhof am Hausruck, eigenes Zimmer, Hauptwohnsitz. Viele liebe und lebensfrohe Menschen. Physiotherapie, Ergotherapie. Freude: Mama besucht mich! Ostern, Keilkissen gegen Hüftschmerzen, schmerzfrei innerhalb einer Woche, Aufstehübungen mit Stehlifter, Beinmuskulatur wird stärker, Angstanfälle, Katheterspülung, elektrischer Rollstuhl, Sommer, Sonnenbrand, Harnwegsinfekt. Freude: Mama besucht mich! Viel mit E-Rolli unterwegs, kleiner Zufluchtsort unter einer Buche, schreibe viel, Angst, Hoffnung, Katheterwechsel, Aufstehen aus dem Rollstuhl, Motorik der Hände wird besser, Freude über jeden Fortschritt, Hoffnung auf Heilung. Mama stirbt. Verabschiedung in Graz. Keine Hoffnung mehr. Große Trauer und Angst. Verzweiflung. Angstanfälle. Katheterwechsel, weitere freudlose Fortschritte. Mama ist tot. Ein Teil von mir auch. Aufstehen am Barren, freihändiges Stehen am Rollator, drei eigene Schritte vorwärts, Katheterspülung. Mama ist tot. Aufstehen aus dem Rollstuhl an zwei Stützen im Bad, völlig problemlos und angstfrei, keine Vorstellung von meiner Zukunft, mutlos, Angstanfälle, körperlich große Fortschritte, Glaube an Heilung wird immer schwächer, immer deprimierter, Angst. Mama ist tot. Wöchentliche Gesprächstherapie. Neue Hoffnung.

Momentan bin ich auf dem Stand, dass meine Angst schwächer und die Hoffnung auf vollständige Heilung stärker wird. Ich hoffe auch, dass es so weitergeht.
Mein Leben wird nie wieder so sein wie früher. Mein Vater und meine Mutter sind tot. Mit ihnen ist viel von mir gestorben. Freude ist nur noch eine Erinnerung.
Die schöne Zeit liegt hinter mir, aber wer weiß, vielleicht gilt für mich und jeden anderen Menschen mit dem Guillain-Barré-Syndrom:
Die schönste Zeit liegt vor mir!

Samstag, 14. Februar 2015

Im Ozean der Schmerzen

Ich sitze in einem Pflegesessel. An sich nichts Ungewöhnliches. Wenn ich zur Physiotherapie gebracht werde, wird der immer verwendet. Ein Pflegesessel ist nicht dasselbe wie ein Rollstuhl, sondern sieht eher aus wie ein Campingsessel mit Kopfstütze und kleinen Rädern. Man kann ihn selbst nicht steuern, sondern muss geschoben werden. Außerdem könnte ich das sowieso nicht, weil meine Arme sind gelähmt und meine Hände auch. Ich kann die Oberarme zwar ein bisschen anheben, aber nur notdürftig.
An diesen Pflegesessel werde ich mich wohl mein Leben lang erinnern. Für einige Zeit soll er für mich der Inbegriff des Schreckens werden. Schon in der Nacht vor einem Physiotherapietag habe ich Angst davor. Ich habe so gut wie keine Rumpfstabilität, kann nicht alleine aufrecht sitzen. Beim Querbettsitzen muss ich hinten und an den Seiten gestützt werden, sonst kippe ich um. Keine Kraft. Keine Nervenimpulse.
Ist das Kippen im Bett nur ein technisches Problem, so wird es im Pflegesessel für mich zu einer Tortur. Es ist die einzige Zeit während meiner gesamten Erkrankung mit dem Guillain-Barré-Syndrom, in der mich die Schmerzen fast in den Wahnsinn treiben. Da ich mich nicht aufrecht halten kann, kippe ich immer zur rechten Seite weg. Die rechte Körperhälfte ist bei mir aufgrund der Krankheit noch schwächer als die linke. Während der Therapie ist das kein großes Problem. Ich werde gestützt, während ich nach Kegeln und Bällen greife, mit der Hand über ein Tablett wische, mit einem gelben Igelball übe oder die Kraft meiner Arme am Motomed trainiere.
Aber nach der Therapiestunde bestehen meine Therapeuten Wolfgang und Alfred darauf, dass ich noch in diesem Sessel bleibe. Zum Mittagessen und am besten danach noch ein oder zwei Stunden. Ich bitte darum, ins Bett zu dürfen, aber sie appellieren an mich, so lange im Pflegesessel zu bleiben, wie ich kann. Ich stimme zu. Man legt mir Polster und eine dicke Schaumgummischlange an die Seiten meines Körpers. Eine Zeit lang fühlt sich das ganz gut an, aber etwa nach einer Viertelstunde beginnt der Druck in meiner rechten Hüfte.
Zuerst ist es nur unangenehm, und ich denke mir, na ja, wenn' s so bleibt, werde ich es schon irgendwie aushalten.
Es bleibt nicht so.
Eine der jungen Krankenschwesternschülerinnen betritt das Krankenzimmer der Neuro, wo ich mitten im Raum sitze. Sie bringt das Essen und wird mich damit füttern. Aber sie sagen "eingeben", damit es nicht so kindisch klingt. Wir befinden uns gerade im August 2013, und ich bin noch auf der Neuro im Landeskrankenhaus Vöcklabruck. Der Druck auf meine Hüfte wird stärker. Ich weiß nicht, ob ich essen kann. Ich sage Alexandra, dass ich nicht kann. Der Schmerz intensiviert sich. Es ist ein starkes, pulsierendes Drücken, das immer wieder an- und abschwillt. Ich versuche, es zu ignorieren und mich von der sympathischen Alex mit einer Suppe füttern zu lassen, die aussieht wie das Sediment in meinem Harn im Katheterbeutel. Allerdings schmeckt sie gut. Sonst. Wenn ich keine Schmerzen habe.
Ich fange an zu schwitzen und atme schwer.
"Tut es so weh?" fragt Alexandra. Sie ist eine sehr gute Schwester. Sehr einfühlsam, auf ehrliche Weise gut gelaunt und hat immer gute Ideen. Nur jetzt nicht.
"Ja", antworte ich. "Bitte rufen Sie bei der Physiotherapie an. Sie sollen mich mit dem Kran ins Bett legen."
Alexandra nickt und sagt, dass sie sofort anrufen werde. Sie eilt aus dem Zimmer. Auf dem Beistelltisch vor mir steht die Suppe. Als Hauptspeise hätte es ein Stück Gemüsepizza gegeben. Die hatte ich schon einmal. Ich habe mich darauf gefreut, aber im Moment ist Freude nur eine vage Erinnerung.
Jetzt beginnt die Zeit des qualvollen Wartens. Ich weiß, dass die Therapeuten nicht sofort ihre Arbeit stehen und liegen lassen, um mich aus dem Sessel zu befreien. Ich rechne mit einer halben Stunde, aber schließlich werden es fast eineinhalb. Irgendwann zwischendurch frage ich Alexandra, ob die bald kommen. Sie weiß es auch nicht.
Meine Hüfte klopft, hämmert, tobt. Den brennenden Schweiß kann ich mir nicht aus den Augen wischen. Ich bin ja gelähmt. Ich atme vor mich hin, versuche mich zu beruhigen und zähle meine Atemzüge, um mich auf die nächste größere Schmerzwelle vorzubereiten.
        Ich bin ein Schiffbrüchiger auf einem Nagelbrett. Zumindest fühle ich mich so. Ich frage mich, was schlimmer ist: in einem Ozean aus Schmerz zu ertrinken oder langsam aufgespießt zu werden, während mir das Wasser bis zum Hals steht.
Fünfundzwanzig. Nach fünfundzwanzig Atemzügen ist sie endlich da.
Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen und nicht zu stöhnen oder zu fluchen. Es sind noch drei andere Patienten im Zimmer. Ich schwöre mir, mich nie wieder in diesen verdammten Pflegesessel setzen zu lassen, da kann Alfred mit seinen Bobath-Polstern "bauen", was er will. Er nennt es so. "Wenn Sie schlecht sitzen, baue ich Ihnen was", sagt er. Was er baut ist auch sehr gut und verhindert noch größere Schmerzen, aber seine architektonischen Meisterwerke verrutschen natürlich irgendwann, während ich versuche, mich im Sessel irgendwie zu bewegen, um meine Hüfte zu entlasten.
Wolfgang und Alfred sagen immer wieder zu mir, wie wichtig es für mich ist, in einem Pflegesessel zu sitzen. Für den gesamten Bewegungsapparat, die Muskeln, das Rumpftraining und für die Lunge. Wenn man immer nur liegt, kann man eine Lungenentzündung bekommen. Das liegt daran, dass sich in der Rückenlage das Herz auf die Lungenflügel legt.
Ich weiß das. Ich weiß das alles, und ich weiß, dass die beiden Therapeuten recht haben. Das macht es noch schlimmer. Ich kann sie nicht einmal dafür hassen, dass ich diese Schmerzen erleiden muss. Erstens sind sie beide sympathisch, zweitens kompetent und hervorragende Physiotherapeuten, und drittens haben sie leider recht. Immer. Jedesmal.
All das ist mir klar. Aber es tut so Scheißweh! Die Armlehne des Pflegesessels bohrt sich in meine Hüfte, und der drückende Schmerz pulsiert bis in meine Zehenspitzen. Da spüre ich sie dann plötzlich. Aber wenn sie abgetastet werden, um meine Reaktionen zu testen, fühle ich gar nichts. Umgekehrt wäre es mir lieber.
Immer wieder denke ich mir, dass der Schmerz auch etwas Gutes hat. Immerhin spüre ich ihn. Das heißt, die Nerven leiten wieder. Toll. Ich bin begeistert.
Es klopft an der Tür. Das ist er nicht, denke ich mir. Physiotherapeuten klopfen immer nur einmal. Das ist mir irgendwann aufgefallen. Zumindest meistens. Eine ganz attraktive Frau kommt herein. Eine Ärztin von einer anderen Station und besucht einen Patienten.
Ich verfalle in einen schmerzhaften Dämmerschlaf. Ich zähle meine Atemzüge und nicke ein, werde von den dumpfen Schmerzen aber sofort wieder aufgeweckt.
Schließlich klopft es wieder. Nur einmal. Ich weiß, dass das Alfred ist. Er betritt den Raum, grüßt freundlich und lächelt. Ich glaube, er bemerkt, dass ich leide, aber ich versuche, meine Fassung zu bewahren. Es fällt mir schwer. Schließlich, nach einem abschließenden scharfen Stich in der Hüfte, als ich in den Hebelifter gehoben werde, hänge ich in der Luft, und Alfred manövriert den Kran zwischen Bett und Kasten hindurch und legt mich vorsichtig hin.
Wieder einmal kann ich mein Glück nicht fassen. Der Schmerz hört auf. Ich spüre zwar einen stichelnden Zug in meiner Blase, der vom Katheter verursacht wird, aber im Vergleich zu dem Sitzen im Pflegesessel ist das harmlos. Ich bedanke mich bei Alfred. Er sieht mir die Erleichterung an. Er hat Verständnis dafür, dass ich nicht länger in dem Sessel bleiben will.
Heute weiß ich nicht mehr, ob das der letzte Aufenthalt im Pflegesessel war, aber ich erinnere mich, dass ich später nach den Therapien in den Stryker gesetzt wurde. Den kann man in der Position verstellen. Zwar kann ich das nicht selbst, aber irgendjemand ist immer da, der mir hilft. Mein Leben wird erträglicher.
Heute bin ich meinen Therapeuten sogar für die Qualen dankbar, die ich im Pflegesessel oft erlitten habe. Es waren hauptsächlich seelische Qualen, körperlich gibt es viel schlimmere Schmerzen, das weiß ich auch.
Aber in meinem Kopfleben war das Sitzen im Pflegesessel einer der furchtbarsten Aspekte meiner Erkrankung. Heute sitze ich in einem elektrischen Rollstuhl. Auch darin habe ich meine Probleme, aber keine Schmerzen. Ich kann mich sogar ganz gut entspannen, wenn ich die Rückenlehne flachstelle.
Der Schmerz im Pflegesessel hat mich eines gelehrt: es gibt keinen leichten, bequemen Ausweg aus dem Guillain-Barré-Syndrom. Das muss ich leider allen Betroffenen sagen. Wenn Ihr noch ganz am Anfang des Weges steht, denkt daran, dass er da ist.
Der Weg ist da. Und er führt in die Freiheit. In ein Leben ohne Lähmung, ohne Angst und ohne Schmerzen. Verliert euren Weg nicht aus den Augen. Das dürfte allerdings ohnehin unmöglich sein, denn es ist ein krummer, harter und mit spitzen Steinen gepflasterter Weg. Man kann ihn gar nicht übersehen.
Die Reise des Guillain-Barré-Syndrom-Patienten beginnt mit einem kleinen, schmerzhaften Schritt, der sich wie ein Meissel in den Körper und in die Seele bohrt.
Aber wie so viele Wege, lohnt es sich, ihn zu beschreiten. Was bleibt uns auch Anderes übrig?
Wir haben nur diesen einen Weg.

Samstag, 7. Februar 2015

Mach Dich neu! Affirmationen und Mantras

Sicher haben Sie das Wort Mantra schon oft gehört. Möglicherweise denken Sie dabei an buddhistische Mönche oder Zeitgeist-Esoteriker, die irgendwelche Formeln vor sic hinmurmeln, um dadurch zu Erkenntnis und Weisheit zu gelangen.
Vielleicht sogar zur Erlösung.
Nun, so weit wie ins Nirvana werden Sie meine Mantras wohl nicht bringen, aber sie können Ihnen helfen, Ängste, von denen sie schon lange geplagt werden oder die erst seit Ihrer Erkrankung mit dem Guillain-Barré-Syndrom aufgetreten sind, in den Griff zu kriegen. Mir ist es jedenfalls zum Teil gelungen. Ich biete Ihnen in diesem Posting also kein Allheilmittel gegen die Angst und für die Erlangung von mehr Zuversicht an, aber einen Teil voranzukommen ist doch besser als stillzustehen.
Genau der Stillstand ist die größte Gefahr für GBS-Patienten. Ich habe davon schon in meinem Artikel "Zufriedenheit tötet!" erzählt. Wenn der Weg scheinbar immer weiter wird, der zu bezwingende Berg immer höher, das Labyrinth immer verwinkelter und die lange Reise nicht mit dem ersten Schritt beginnt, sondern mit dem ersten Stolperstein, ist es an der Zeit, die innere Einstellung zu ändern.
Viele Ansichten, Überzeugungen und Prägungen tragen wir schon unser ganzes Leben lang mit und herum. Sätze, die wir gehört haben, Kritik, die an uns geübt wurde, Ermahnungen und Tadelungen, die uns erziehen. Und formen sollten. Und das haben sie.
All die gut gemeinten Ratschläge, die uns härter getroffen haben als jeder Schicksalsschlag. Die Beleidigungen, Verhöhnungen und Demütigungen. Alle diese verbalen Messerstiche haben unsere Seelen verletzt und unser Selbstbild verzerrt. So wurde aus einem fröhlichen Kind ein unsicherer Jugendlicher und schließlich ein gelähmter Erwachsener. Zumindest erging es mir so, aber Ihnen in der einen oder anderen Form sicher auch.
Wir wurden also alle schon seit unserer Geburt durch Affirmationen geprägt. Nur, dass diese Mantras nicht von uns selbst, sondern von unseren Mitmenschen kamen. Viele von Ihnen haben es wohl gar. Nicht böse gemeint, aber wohl getan hat es uns auch nicht. Formeln wie "Das kannst du nicht. Das geht nicht. Das ist Blödsinn. Das hat keinen Sinn" haben uns auf Selbstzweifel programmiert.
Was man oft genug hört, glaubt man irgendwann. Die negativen Glaubenssätze sind wie ein Ohrwurm, den man immer wieder vor sich hinsingt, obwohl man das Lied gar nicht leiden kann. Sie setzen sich im Unterbewusstsein fest und fangen dort an zu nagen. Sie nagen sich langsam, aber beständig in die Tiefen des eigenen Ichs, bis die Seele zerfressen ist. Kein Wunder, dass man auf diese Art die Nerven verliert. In meinem Fall, wie bei allen Menschen mit Guillain-Barré-Syndrom im wahrsten Sinne des Wortes. Die dicke Haut, die Schutzmembran, die bereits den Einzeller vor Fressfeinden schützt, wird abgenagt, bis die Nerven blank liegen. Genau das passiert bei GBS. Die Isolierschicht aus Myelin wird zerfressen, und die Signale, die vom Hirn an den Körper gesendet werden, laufen ins Leere.
Die Hirnimpulse brauchen also neue Leitplanken. Die Myelinschicht muss wiederaufgebaut und das Geröll aus negativen Affirmationen und Egokränkungen muss aus dem Weg geräumt werden.
Aber wie? Wie lautet das Geheimrezept für ein neues Ich? Gibt es einen Pflug, der den Schutt des Lebens beiseite fegt? Gibt es einen Eisbrecher für den in der Lebenskälte erstarrten Körper und seine Seele?
Ja! Den gibt es! Der Pflug, der den gefrorenen Acker des brachliegenden Unterbewusstseins umgräbt, besteht aus einem einfachen Bauplan:
Sich selbst neu programmieren. Darum geht es bei der Anwendung von Mantras und Affirmationen. Das Wort Mantra aus dem Sanskrit bedeutet soviel wie Spruch, und eine Affirmation ist eine Bestätigung. Es handelt sich also nicht um Zauberei oder irgendwelchen Humbug aus der New-Age-Szene, sondern um wirklich funktionierende Techniken, um zu verhindern, dass die Hoffnung auf Heilung in eine Sackgasse führt und eine Aufwertung der Zuversicht zu erreichen.
Kernpunkt der Affirmationstechnik und der Mantra-Meditation ist das wiederholte Rezitieren bestätigender Formeln. Sie können es auch als heilige Worte oder Verse betrachten.
Die Theorie hinter der Affirmationstechnik besagt, dass das menschliche Unterbewusstsein alles glaubt, was ihm gesagt wird. Dieser Teil unseres Verstandes unterscheidet nicht zwischen Wahrheit und Lüge, Sinn und Unsinn. Wenn Sie in Ihrer Kindheit oft genug gehört haben, dass Sie zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn, zu schön oder zu häaaslich sind, wenn man Ihnen immer wieder eingetrichtert hat, dass sie dumm sind oder Sie als Niete bezeichnet wurden, so wie ich von einem Lehrer, fangen Sie an, das zu glauben. Und steckt der Stachel einmal im Fleisch, wird er zu einem Keil, der Ihnen das Herz bricht.
Es ist überall ein Sprung drin, hat Leonard Cohen gesungen. There' s a crack in everything. Und tatsächlich leben wir in einer Zeit, in der die Keile immer tiefer zwischen die Menschen geschlagen werden, immer mehr Polaritäten entstehen oder gemacht werden. Wirhaben es alle schon gehört. Die Reichen werden reicher, und die Armen ärmer. Wir werden von negativen und verdummenden Werbebotschaften regelrecht bombardiert, und in Unterhaltungsshows wird an Ekel und an die niedersten Instinkte appelliert. Holt mich hier raus!
Genug der Binsenweisheiten und Verallgemeinerungen, aber das wollte raus. Kommen wir zurück zu der Neuprogrammierung des Unterbewusstseins. Ich will gar nicht zuviel an angelesenen Weisheiten verbreiten und so tun, als wäre ich ein Universalgelehrter.
Jede Philosophie ist für mich nur dann sinnvoll, wenn sie anwendbar ist. Und so schreibe ich meine Tipps zur Anwendung von Affirmationen und Mantras nicht als theoretische Abhandlung, sondern aus eigener praktischer Erfahrung. Gelesen habe ich viel, aber geholfen hat immer nur das, was ich selbst ausprobiert habe.
Und das sieht so aus:
Zuerst entspanne ich mich. Ich setze oder lege mich bequem hin, versuche so locker wie möglich zu sein, schließe die Augen, atme ruhig, zähle meine Atemzüge und beginne dann, meine bewährten Affirmationsformeln innerlich aufzusagen. Finden Sie bei der Formulierung Ihrer Affirmationsmantras Ihren eigenen Denk- und Atemrhythmus. Fühlen Sie sich wohl dabei. Sie können dabei auch lächeln. Die Muskelbewegung des Lächelns setzt im Hirn Glückshormone frei. Lächeln Sie auch sonst immer wieder mal, selbst, wenn Ihnen gar nicht danach zumute ist. Sie werden sehen, Sie fühlen sich sofort besser, auch, wenn es nur ein kleines Bisschen ist.
Wie Sie auf einfache und effektive Art einen Entspannungszustand erreichen können, lesen Sie in meinem Blog-Artikel "Meine Meditation macht Mut."
Eine Affirmation ist eine gedachte oder gesprochene Formel, die dazu führen soll, dass man sich besser fühlt. Wenn wir uns konstant positive Nachrichten einsagen, beginnt unser Unterbewusstsein, sie zu glauben, und schließlich werden wir zu dem, was wir denken und was wir glauben.
Aber das Unterbewusstsein hört nicht nur auf die Worte, die man zu ihm spricht, es speichert auch die damit verbundenen Gefühle ab. Darum müssen Sie bei der Anwendung Ihrer Affirmationsmantras in einem entspannten Zustand befinden. Einige Autoren behaupten, man müsse sich wohl fühlen oder glücklich sein, damit die Affirmationen auch wirken. Ich aber frage mich, wozu brauche ich die Affirmationen dann noch? Ich wende sie an, damit sich mein Zustand verbessert, nicht, obwohl ich mich schon gut fühle.
Wenn Sie ein unglücklicher, verzagter, ängstlicher Mensch sind, können Sie sich nicht richtig wohl fühlen. Der Rat "Fühlen Sie sich wohl, dann geht' s Ihnen besser" ist also völlig absurd.
Aber Sie können sich entspannen. Und wenn Sie nicht einmal das können, dann können Sie sich zumindest soweit beruhigen, dass sie wieder einen einigermaßen klaren Kopf haben. Dann können Sie mit der Programmierung Ihres Unterbewusstseins beginnen und Ihre Affirmationsmantras anwenden.
Ein Zeitraum von fünf- bis fünfzehn Minuten ist ideal für die Affirmationsmeditation. Oder wiederholen Sie die Affirmationen einfach so lange, bis Sie müde werden. Was eine Zahl betrifft, empfehle ich, jede Formel mindestens 100 mal zu wiederholen. Zählen Sie dabei nicht mit, das würde Sie nur ablenken.
Wenn Sie etwas zählen wollen, machen Sie eine einfache Entspannungsübung, indem Sie sich darauf konzentrieren, Ihren ganzen Körper von oben bis unten zu entspannen. Fangen Sie mit der Kopfhaut an, dann die Stirn, das Gesicht, den Mund, die Brust, die Arme, den ganzen Oberkörper, das Becken, die Beine und schließlich die Füße. Am besten machen Sie das im Liegen, wenn Sie aber gerade keine Gelegenheit haben, sich hinzulegen, geht es auch im Sitzen.
Atmen Sie ruhig und gleichmäßig durch die Nase und zählen Sie Ihre Atemzüge beim Ausatmen. Sie können sich dazu die Zahlen vorstellen. Mehr dazu in meinem Blogartikel "Meine Meditation macht Mut". Ich wende diese Form der Entspannung seit über zwanzig Jahren täglich an, und sie hat mir über so manche schwere Zeit und einige schreckliche Erlebnisse hinweggeholfen.
Affirmationen oft zu wiederholen ist gut, aber übertreiben Sie nicht. Es darf nicht zum Zwang werden. Denken Sie immer daran, dabei entspannt zu sein. Und wenn Sie sich wirklich wohl fühlen und die Zeit dazu haben, ist das natürlich der ideale Moment, Ihre Mantras aufzusagen.
Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, mindestens eine meiner Lieblingsaffirmationen nach dem Aufwachen, während des Tages und vor dem Einschlafen anzuwenden. Sowie bei Bedarf in stressigen Situationen. Das Affirmieren vor dem Einschlafen finde ich am Wirkungsvollsten. So programmiere ich mich für den nächsten Tag. Meistens funktioniert es. Und wenn nicht, war ich nicht entspannt oder nicht achtsam genug.
Denken Sie sich: "Ich freu' mich auf den neuen Tag."
Wenn Sie sich unsicher fühlen oder Angst haben, denken oder flüstern Sie: "Ich vertraue dem Leben."
Für langfristige Angsbewältigung: "Ich bin völlig entspannt und frei von Angst."
Sie können nur eine Affirmation nehmen und diese immer wieder wiederholen. Tun Sie das so lange, bis Sie an das glauben, was Sie sich vorsagen. Die andere Möglichkeit ist, sich eine Liste mit einigen Affirmationen einzuprägen und die dann immer wieder zu denken oder zu sprechen.
Außerdem ist es sehr wirkungsvoll, die Affirmationen auf eine Audioquelle zu sprechen. Am besten eignet sich heutzutage dafür natürlich das Handy. Wenn Sie ein Smartphone haben, können Sie Ihre Lieblingsaffirmationen draufsprechen und per Abspielwiederholung so ofthören, wie Sie wollen. Es ist aber empfehlenswert, eine Dauer von fünfzehn Minuten nicht zu überschreiten. Auch positives Denken kann mit der Zeit anstrengend werden, und gerade beim Affirmieren sollte man stets achtsam und aufmerksam sein. Es gibt sogar eigene Apps für das Aufnehmen von Affirmationen.

Hier einige Beispiele für allgemeine Affirmationen:

• Ich bin ruhig und gelassen.
• Ich bin ruhig und fühl' mich wohl.
• Ich bin selbstbewusst und stark.
• Ich verdiene nur das Beste.
• Ich kontrolliere meine Gefühle.
• Ich kontrolliere meine Angst.
• Ich kann alles erreichen, was ich will.

Experimentieren Sie! Formulieren Sie Ihre eigenen Affirmationen und Mantras und wenden Sie sie regelmäßig an. In der regelmäßigen Wiederholung liegt das Geheimnis des Erfolgs. Unser Hirn braucht mindestens 21 Tage, um eine Erkenntnis zur Gewohnheit zu machen. Vielleicht geht es bei Ihnen ja auch schneller oder es dauert länger, aber eines können Sie mir glauben: Nur, wenn Sie Ihre Affirmationen regelmäßig, jeden Tag anwenden, werden Sie mit der Zeit die Früchte Ihres Erkenntnisbaums pflücken.
Unser Unterbewusstsein ist wie ein Acker.
Wir ernten, was wir säen.

Hier einige Tipps zum Erstellen und Anwenden Ihrer Affirmationsmantras:

• Die Affirmation soll kurz und einfach sein. "Ich bin bald ganz gesund."
• Die Affirmation soll beim Einatmen und Ausatmen gedacht oder gesprochen werden.
  Einatmen: "Ich bin..." Ausatmen: "...bald ganz gesund".
• Die Affirmation soll in der Gegenwartsform formuliert werden. "Ich bin bald ganz gesund" statt "Ich werde wieder gesund".
• Die Affirmation soll mit positiven Worten formuliert werden. "Ich bin bald ganz gesund" statt "Ich will nicht mehr krank sein".
• Nutzen Sie bei jedem Affirmationsvorgang nur eine Affirmation.
• Wiederholen Sie jede Affirmation mindestens dreißig Mal. Öfter ist besser.
• Wenden Sie diese Technik jeden Tag an. Auch, wenn es Ihnen gut geht. Gerade dann.
• Meditieren Sie Ihre Lieblingsaffirmation vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen.

In dem Satz "Ich will nicht mehr krank sein" befinden sich gleich zwei negative Wörter. Nicht und krank. Ganz und gesund klingt doch viel schöner, oder? Es kommt also darauf an, das Unterbewusstsein konstant mit positiven Glaubenssätzen zu füttern. Soul food to go, sozusagen. Um wieder gehen zu können. Die meisten GBS-Patienten haben gelähmte Beine. Lange Zeit.
Viel Zeit zum Meditieren und Affirmieren. Selbstverständlich können Sie das auch tun, wenn Sie nicht am Guillain-Barré-Syndrom erkrankt sind. Ich nutze diese Techniken schon seit mehr als zwanzig Jahren, und sie haben mir auch nach dem Ausbruch meiner Erkrankung im Jahr 2013 sehr dabei geholfen, meine Zeit als Kopf ohne Körper zu überstehen, ohne dabei Schaden an meiner Seele zu nehmen.
Abschließend schreibe ich Ihnen noch meine Lieblingsaffirmationen auf. Kurz, knapp, wirkungsvoll. Probieren Sie sie aus. Sie können dabei nichts falsch machen.
Oh, schon wieder zwei negative Formulierungen. Nichts und falsch. Da kann man mal sehen, wie sehr wir von unserer negativ denkenden Angstgesellschaft geprägt sind.
Prägen Sie sich neu.
Machen Sie nicht nichts falsch, sondern alles richtig!
Es geht doch, und es hat Sinn! Mach Dich neu!

Meine Lieblingsaffirmationen:

• Ich bin eine starke Persönlichkeit.
• Ich bin völlig entspannt und frei von Angst.
• Ich bin bald ganz gesund.
• Ich lasse meine Ängste los.
• Ich vertraue dem Leben.
• Ich freu' mich auf den neuen Tag.
• Ich schaffe alles, was ich will.
• Ich bin mutig. Ich bin stark. Ich bin glücklich. Ich bin frei.
• Ich kämpfe für mein Leben und werd' immer alles geben.
• Jeden Tag geht es mir in jeder Hinsicht immer besser und besser.

Ich danke Ihnen für das Lesen meines Blogs und wünsche Ihnen viel Erfolg beim Anwenden der Affirmationsmantras. Sie können nur davon profitieren. Wenn es nicht auf Anhieb klappt, machen Sie weiter.
Es wird funktionieren! Ganz bestimmt!
Egal, ob Sie gesund oder krank sind, tun Sie' s auf jeden Fall! Und wenn Sie sich schlecht fühlen oder Angst haben, tun Sie' s trotzdem! 
Nur eines tun Sie bitte nicht:
"Geben Sie nie, nie, niemals auf!"

Markus G. Pärm
Altenhof am Hausruck im Februar 2015