In einem Punkt habe ich im Laufe meiner Krankengeschichte gelernt, am medizinischen System zu zweifeln. Am liebsten möchte ich schreiben, verzweifeln, aber die positiven Erfahrungen und Hilfeleistungen waren in der Überzahl.
von Markus G. Pärm - In meinem Blog erzähle ich von meinen Erfahrungen mit dem Guillain-Barré-Syndrom. Von Kopf bis Fuß total gelähmt. Langsame Besserung. Und jetzt fast völlig geheilt. Eine sechsjährige Reise voller Verlust, Angst, Hoffnung und einer vollkommen neuen Sicht auf das Leben.
Samstag, 4. August 2018
Samstag, 19. Mai 2018
Im Kunstmuseum
Ich war im Museum. Lentos in Linz. Klimt, Schiele, aber auch viele andere bedeutende und nicht so bedeutende Künstler. Manche verdienen die Bezeichnung Künstler nicht einmal. Andere habe ich neu entdeckt. Zugegeben, ich mochte Schiele nie besonders, aber das hat sich geändert, als ich im Museum die Originale seiner Bilder gesehen habe. Sie strahlen auf sehr kraftvolle Art pure menschliche Verzweiflung aus. Und in den Frauenportraits von Gustav Klimt begegne ich vollkommener und anmutiger Schönheit.
Samstag, 7. April 2018
Kurz vor Frühling
Kurz vor Frühling. Eigentlich ja schon seit zwei Wochen, aber noch blüht nichts. Zu kalt, sagt meine Tante. Stimmt wohl. Wenn es wärmer wird: Grüne Wiesen und Bäume , bunte Sträucher, Blumen und klarer Himmel. Sonne. Wärme. Farben. Die Winterseele aufwärmen. Vom ewigen Leben träumen
Samstag, 30. Dezember 2017
Schritt um Schritt
Es hat sich viel getan in letzter Zeit.
Ich kann mit Krücken zwanzig Meter weit gehen, sogar um Ecken und Kurven herum, habe in fünf Monaten zwanzig Kilo abgenommen, kann fast normal greifen, zeichnen, schreiben, tippen und essen. Mein Blutzucker hat sich wesentlich gebessert, ich brauche keine Medikamente dafür. Meine gesundheitlichen Fortschritte sind so erfreulich, dass ich mich wieder auf Kleinigkeiten und Wehwehchen konzentrieren kann, die offenbar eine Art Lückenbüßerfunktion übernehmen, weil die echten Probleme immer weniger werden.
Seit meinem Erwachen auf der Intensivstation vor viereinhalb Jahren hat sich mein Leben nicht nur total geändert, sondern es sind die wesentlichen Konstanten trotzdem gleicph geblieben. Vieles von dem, was ich verloren glaubte, habe ich mit unendlich viel Hilfe der Menschen rund um mich herum zurückgewonnen.
Mittwoch, 25. Oktober 2017
Tigerschritte
Heute habe ich in der Physiotherapie einen sehr großen Fortschritt gemacht. Das war einer der wichtigsten Tage in meiner gesamten Krankengeschichte und in der Zeit, seit ich Physiotherapie mache. Ich bin mit den Krücken vom E-Rolli zweimal bis zu meiner Zimmertür gegangen. Dabei habe ich mich nur ein bisschen unsicher gefühlt. Mit der Kraft hatte ich keine Probleme, und ich habe festgestellt, dass ich beide Beine leicht anheben kann, wenn ich mich auf die Krücken stütze. Die stehen jetzt allerdings sehr weit und schräg vor mir. Das gibt mir mehr Sicherheit. Wenn ich Sie näher am Körper halte, wird alles ziemlich wacklig. Angst hinzufallen hatte ich keine. Den zweiten Versuch habe ich mir zuerst gar nicht zugetraut, aber als ich dann unterwegs war, habe ich schnell bemerkt, dass meine Bedenken unbegründet waren und meine Kondition leicht bis zur Tür ausgereicht hat.
Wolfgang, mein Physiotherapeut, war voll des Lobes. Ich konnte ihm die Erleichterung darüber ansehen, dass er es endlich geschafft hat, mich soweit zu bringen, dass ich mit den Krücken eine kurze Distanz zurücklegen kann. Ich selber bin froh, dass der Albtraum mit den vergeblichen Aufstehversuchen, der, glaube ich, im Mai begonnen hat, endlich zu Ende ist. Alles hat sich mit dem neu aufgepumpten Sitzkissen schlagartig verändert. Ich fühle mich mit den Krücken sogar sicherer als mit dem Gehbock, weil es den Moment nicht gibt, wo ich das ganze Gerät aufheben und ein Stück nach vorne stellen muss. Das ist bei den Übungen mit dem Gehbock das schwierigste. Da muss ich immer kurz innehalten, um das Gleichgewicht zu finden und nicht nach hinten umzukippen. Das fällt jetzt weg, ich bin immer mit einer Körperhälfte gut gestützt und fühle mich dadurch sicher. Ich traue mich auch, das linke Bein anzuheben und muss nicht schlurfen.
Ich habe den Eindruck, dass ich insgesamt mehr Mut habe als noch vor wenigen Wochen. Heute habe ich den Durchbruch geschafft, den ich mir von der Reha erhofft hatte. Problemlos mit den Krücken aus dem E-Rolli aufstehen und ein paar Meter weit gehen, ohne dabei die Füße über den Boden schleifen zu lassen.
Das ist jetzt der Beginn einer völlig neuen Phase in meinem Leben. Mit ausreichend Training stehe ich jetzt kurz davor, auch längere Strecken mit den Krücken zu gehen. Ich glaube, dadurch werden meine Kraft und meine Sicherheit noch wesentlich besser werden, und vielleicht werde ich irgendwann, in nicht zu ferner Zukunft, feststellen, dass ich die Krücken eigentlich gar nicht mehr brauche, um wenigstens ein paar Schritte zu gehen.
Ich glaube, so ganz realisiert habe ich die Bedeutung des heutigen Erfolgs noch nicht. Und wahrscheinlich wird alles doch länger dauern, als ich es mir jetzt vorstelle. Da mir das gehen mit den beiden Krücken allerdings wesentlich leichter fällt als mit dem Gehbock, bin ich sehr zuversichtlich, dass ich die nächsten Fortschritte in kürzerer Zeit schaffen werde.
Das war heute das Erfolgserlebnis, nach dem ich mich so lange gesehnt habe. Ein halbes Jahr lang habe ich fast täglich versucht, mit meinen beiden metallicgrünen Krücken aus dem elektrischen Rollstuhl aufzustehen, aber es ist mir nur einige wenige Male gelungen. Und das auch nur mit allergrößter Kraftanstrengung, zittrigen Knien und der Ungewissheit, ob ich nicht am Boden landen werde, anstatt aufrecht zu stehen. Ich musste viel Schwung nehmen und mich weit nach vorne beugen, um mich dann in die Höhe zu wuchten. Ich habe nie mitgezählt, aber es gab Tage, da habe ich es bestimmt zwanzigmal hintereinander probiert, bin aber immer wieder in den Rollstuhl zurückgefallen.
Es war unendlich frustrierend und deprimierend. Ich habe geglaubt, dass ich es niemals schaffen werde, aus dem Rollstuhl wieder rauszukommen und normal gehen zu können. Und das schlimmste daran war, dass ich es mir nicht erklären konnte. Ich hatte es ja davor schon 25 Mal hintereinander geschafft.
Heute weiß ich, was das Problem ursprünglich verursacht hat. Mit dem ständigen zurückfallen in den E-Rolli habe ich mein Sitzkissen so gründlich ruiniert, dass in der vorderen Hälfte die Druckkammern total plattgedrückt waren. Mit diesem Kissen war ich auf Reha, und habe mich gewundert, warum es nicht klappen will, endlich aufzustehen. Sicher war mein hohes Gewicht von 136 Kilo auch mit schuld daran. Inzwischen wiege ich nur noch 125 Kilo, wahrscheinlich sogar noch weniger, weil ich mich das letzte mal vor zwei Wochen auf die Waage gestellt habe. Mehr als zehn Kilo weniger sind jedenfalls eine große Erleichterung beim Trainieren.
Das Sitzkissen ist repariert, ich sitze jetzt ein paar Zentimeter höher und sehr stabil. Das scheint den ausschlaggebenden Unterschied gemacht zu haben. Ich brauche keinen Schwung mehr zu nehmen und stehe fast nur mit der Kraft meiner Beine auf. Beim gehen brauche ich dann allerdings noch sehr viel Kraft in den Armen, weil mich die Füße allein noch nicht tragen. Ich kann meine Vorfüße zwar schon besser anheben, aber da scheint noch immer ein Rest Lähmung drinzustecken. Das ist der Grund, warum ich das Gleichgewicht noch nicht halten kann. Ich kann nicht sicher und fest stehen und kippe sofort nach hinten, wenn ich die Griffe des Gehbocks loslasse. Ich glaube aber, das wird sich auch noch bessern.
Vor einer Woche war ich im Zoo im niederösterreichischen Haag. Dort bin ich etwa eine halbe Stunde im E-Rolli vor dem Tigergehege gesessen und habe eines dieser wunderschönen Tiere beobachtet. Ich habe den Tiger gezeichnet, fotografiert und kurze Videos gemacht. Er kam einige Male ganz nahe zum Zaun heran, hat mich beäugt und ist vor mir auf- und abgestreift. Wahrscheinlich hat er erwartet, gefüttert zu werden. Dann ist er auf die Spitze eines künstlich angelegten Felsens gegangen, hat sich hingelegt und geschlafen.
Es ist sehr schwer zu beschreiben, was es für ein Gefühl ist, aus so kurzer Distanz von nur wenigen Metern einem Tiger direkt in ein Auge zu blicken. Ich war durch den Zaun zwar in Sicherheit, wollte ihn aber trotzdem nicht zu lange intensiv anschauen. Ich weiß nicht, ob Zootiger aggressiv reagieren, wenn man das tut, aber sicher ist sicher. Möglicherweise übertreibe ich mit dieser Schilderung, denn mir ist klar, dass es sich um einen gezähmten Tiger in einem Tiergarten handelt. Trotzdem war ich beeindruckt, von dem festen Blick dieses Tieres und dem Ausdruck in seinen Augen. Mir kam es vor, als würde ich direkt in die pure wilde Essenz des Lebens blicken. Jagen. Töten. Fressen. Ich muss sagen, es war schauderhaft. Und gleichzeitig traumhaft schön.
In Indien sagt man, wenn man einem Tiger in ein Auge schaut, blickt man in den tiefsten Grund der eigenen Seele. Ob mir das gelungen ist, weiß ich nicht, aber ich habe zumindest einen Eindruck davon bekommen, wie es ist, absolut im Augenblick zu leben. Frei von den Bürden des Denkens, des Bewertens, des Abwägens und des Zweifelns. Nicht denken, nicht planen, nicht fürchten.
Manchmal, wenn man sehr konzentriert an einer Sache arbeitet oder meditiert, streift man diesen Zustand, in dem nichts anderes existiert als das reine, auf einen unendlich konzentrierten Punkt reduzierte Bewusstsein. Kein soll ich, darf ich, muss ich? Kein, was wäre, wenn? Oder was könnte geschehen? Auch kein besser nicht, wer weiß?
Einfach nur sein. Ewig und ohne Worte.
Montag, 21. August 2017
Der Knirpsgänger
Er blickt zum Fenster hinaus und sieht in der Wolkendecke ein hellblaues Band am Himmel. Einige Leute haben gesagt, dass es am Nachmittag schön wird. Wenn das stimmt, und wenn es nicht zu kalt ist, wird er in den Park hinaus fahren. Das blaue Band wird jetzt breiter, und die Wolkendecke bricht auch an anderen Stellen auf. Er vergißt immer, dass hinter den Wolken die Sonne scheint und der Himmel klar ist. Dabei hat er es schon so oft erlebt. Die Wetterprognosen waren falsch. Sie wurden mit sehr viel Sorgfalt erstellt, aber die Ignoranz gegenüber den schon seit vielen Jahren schwankenden Klimazone hat die Vorhersagen verfälscht. Allerdings ist es sinnlos, das den sturen Meteorologen zu sagen. Sie bleiben bei ihrem Standpunkt, denn da fühlen sie sich sicher.
Jede Veränderung der Prognoseerstellung wird abgelehnt, und wenn der Regen nicht einsetzt, obwohl er schon seit einer gefühlten Ewigkeit in der Luft steht, terrorisieren sie den Spaziergänger mit dem aufgespannten Knirps, indem sie ihm Blitze, Sturm und Hagelschlag androhen. Dabei meinen sie es nur gut, die Wetterfrösche mit ihren Unkenrufen. Sie wollen uns dumme Menschlein vor dem allerschlimmsten bewahren, und darum kündigen sie lieber Schlechtwetter an, als Sonnenschein.
Der Blick auf den fernen Himmel war klar, aber dann kam doch wieder eine Wolke und hat das Bild getrübt.
Doch wenn der Feuersturm nicht kommt, obwohl sie ihn schon vor zwanzig Jahren geweissagt haben, wenn der aufgeriebene Boden von selber wieder heilt und das Herz der Erde weiter schlägt, sagen sie, die Aufzeichnungen von früher seien bedeutungslos. Alles was zählt ist der aktuelle Wetterbefund. Und der lässt das Hereinbrechen von Katastrophen befürchten.
Was sie in den Seelen der Wetterfühligen damit anrichten, ahnen sie nicht. Sie haben kein Verständnis für ihn. Jenseits ihrer Wahrnehmung sind die Befürchtungen des Knirpsgängers, die Sonne nie wieder sehen zu können. Fast verzweifelt er und will sich ergeben, damit ihn der Hagel nicht allzu hart trifft. Er hat Angst vor den Blutegeln. Sie sind widerliche Kreaturen, die sich ihre Leiber mit dem süßen Blut vollschlagen. Sie laben sich am Lebenssaft des verängstigten Knirpses.
Eine Heilung für schlechtes Wetter gibt es nicht. Behaupten sie. Dabei verschweigen sie, dass man nur das Gestrüpp entfernen muss, und der Regen kann wieder in die Zellen der Erde eindringen. Das aber darf nicht sein. Wie sollen sie denn da dem Knirpsgänger die Samen des Unkrauts verkaufen, die - einmal geschluckt - das Unterholz noch schneller und üppiger sprießen lassen, bis das Organ des Erdbodens so erschöpft ist, dass es auseinanderfällt.
Dabei müssten sie den Wildwuchs nur ausrupfen und dem Knirpsgänger nahelegen, etwas schneller zu laufen. Wenn er seine Last abwirft, kann auch sein Blut wieder aufatmen.
Doch der Knirpsgänger ist nicht so blöd, wie sie denken. Er reißt sich die Blutsauger einfach von der Haut und wirft sie zurück in den Morast ihres manifesten Paradigmensumpfes. Er beschließt, den Kampf gegen die Vampire aufzunehmen und vertraut ganz fest darauf, dass die Sonne ihre vermeintliche Macht überstrahlt.
Eigentlich ist der Knirps ein Freund des Sonnenscheins. Er neigt nicht dazu, im Regen zu tanzen. Trotzdem rechnet er auf all seinen Wegen immer damit, völlig durchnäßt zu werden. Diese Lebensphilosophie verfinstert zwar oft sein von Haus aus sonniges Gemüt, aber dafür kann ihn ein plötzlicher Regenschauer nicht überraschen. Regentropfen sind eigentlich gar nicht so schlimm. Obwohl sie ihn an seine ungezählten Tränen denken lassen, reinigen sie doch alle Straßen.
So werden alle Himmelsrichtungen - nicht nur die blauen - wieder begehbar und erinnern ihn daran, daß der Weg immer noch da ist. Momentan hat sein Leben wieder einige Stolpersteine vor ihm ausgestreut, aber die werden von seinen Freudentränen weggespült.
So schnell schlägt das Wetter manchmal um, und die Wetterberichte mit ihren Langzeitprognosen und Folgeschäden erweisen sich als Schall und Rauch, an einem Lebenstag voll blauer Himmelsbänder.
Sonntag, 20. August 2017
Ausgerechnet Bananen!
Es war ein verregneter Samstag. Um halb zwölf war die letzte Therapie vorbei, danach habe ich den Rest des Tages damit verbracht, im Foyer im E-Rolli zu sitzen und zu versuchen, mich zu entspannen. Ich war müde, wollte im Foyer aber nicht einschlafen. Ein paar mal wäre ich fast eingenickt, konnte mich aber wach halten und habe dann in ein Notizbuch meine Gedanken über den Verlauf dieser Reha am Gmundnerberg niedergeschrieben. Ich habe einen Cappuccino aus dem Automaten getrunken, gelesen und weiterhin gegen die Müdigkeit angekämpft. Ich habe in der Nacht nur drei Stunden geschlafen.
Um sechs Uhr werde ich jeden Morgen zum Blutdruck messen aufgeweckt. Ergebnis, wie so oft: 120/ 80. Einmal habe ich mich darüber beschwert und bekam zur Antwort, das sei die Gepflogenheit des Hauses. Ach so. Na dann weiter mit dem Schlafentzug. Wenigstens die unnötige Umlagerung meiner Schlafposition mitten in der Nacht um zwei Uhr konnte ich dem Haus abgewöhnen. Ich bin nicht mehr gelähmt, meine lieben Pflegerinnen und Pfleger, Diplom hin oder her.
So anstrengend die Therapien auch manchmal waren, so langatmig waren die Wochenenden. Leider gehöre ich nicht zu den Menschen, die leicht Kontakte knüpfen oder Freunde finden. Ich habe beobachtet, wie sich andere Patienten miteinander unterhalten und anfreunden. Dafür brauchten sie nur ein- oder zwei kurze Smalltalks. Ich war natürlich wieder einmal völlig unfähig, mich einer Gruppe anzuschließen oder mich wenigstens an einem Gespräch zu beteiligen. Ich rechne schon mit Ablehnung, noch bevor ich überhaupt versuche, Kontakte zu knüpfen. Früher war das oft so, und das verfolgt mich bis heute und sitzt mir tief in den Knochen.
Ich glaube aber, dass der Grund dafür, mich abzusondern und in mich selbst zurückzuziehen, ist, dass die Probleme mit meinem Blutzucker mein Selbstbewusstsein extrem angeschlagen haben. Diskussionen darüber, aber auch über andere Themen, die ich mit einigen der Pfleger, Ärzte und der Physiotherapeutin hatte, haben dazu geführt, dass ich mich von Anfang an in die Enge getrieben gefühlt habe. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie mich nicht mögen, weil ich mich ihren Kommandos widersetzt habe. Zudem habe ich einen Langzeitblutzuckertest verweigert, und so wurde nichts aus der Verschreibung von Medikamenten. Werde ich aber nachholen. Zumindest den HbA1c-Test. Für das Geschwader der Pillenbomber stehen die Siegeschancen aber schlecht.
Und noch ein Wort zum Thema engmaschige Blutzuckerkontrolle: Es ist mein Blut. Es ist mein Zucker. Es ist meine Kontrolle.
Never go effect, sagen die Amerikaner. Werde niemals zur Wirkung. Sei die Ursache, nicht die Wirkung. Ob ich das immer schaffen werde, weiß ich nicht, aber in den letzten vier Jahren mit dem Guillain-Barré-Syndrom habe ich mich strikt daran gehalten. Mir wurde von einem Arzt geweissagt, dass ich vielleicht den Rest meines Lebens von Kopf bis Fuß gelähmt bleiben würde. Leider wusste er nicht, dass es in der medizinischen Fachliteratur hinsichtlich des Guillain-Barré-Syndroms keinen einzigen dokumentierten Fall dieser Art gibt. Hätte er recht behalten, wäre ich in die Medizingeschichte eingegangen. Mist. So ein Pech. Fast wäre ich ein Star geworden. Ich mache auch wirklich alles falsch...
Hier am Gmundnerberg mag es niemand, wenn ein Patient einen eigenen Willen hat und nicht zu einem dankbaren Mitläufer wird. Die Ansicht, die absolute Elite unter allen Rehainstituten zu sein, macht insbesondere einige der Therapeuten arrogant und rechthaberisch. Meine Physiotherapeutin ist der Ansicht, dass meine Stabilität und Ausdauer besser geworden sind. Für ihren Endbefund hat sie hoch präzise standardisierte Tests durchgeführt, wie Hände drücken ohne und mit Widerstand. Na gut, vielleicht hat sie ja einen Chip mit Sensor unter der Haut, der die Daten meines Fortschrittes sammelt, analysiert und ihren Daumen schließlich nach oben oder nach unten dreht.
Was meine Ausdauer betrifft, gebe ich ihr Recht, eine Verbesserung der Standfestigkeit, wenn ich versuche, frei zu stehen, kann ich aber nicht feststellen. Wenn ich mit dem Gehbock aus dem E-Rolli aufstehe und die Griffe loslasse, habe ich größte Schwierigkeiten, nicht nach hinten umzukippen. Sie meint aber, ich würde nicht mehr so schnell umfallen. Wo sie da einen Fortschritt erkennen will, verstehe ich nicht. Mir fällt sowohl das stehen als auch das gehen schwerer als vor der Reha. Aber na ja, wie man hier in Oberösterreich sagt. Es feigit. A so a Schmoarr' n, a so a bleda.
Für die Statistiken habe ich Fortschritte gemacht, für mein Alltagsleben aber nicht. Bei dem Endbefund der Physiotherapie spielte nur der direkte Vergleich vor und nach der Reha eine Rolle. Beim Blutzucker ebenfalls. Meinungen und Befunde früherer Untersuchungen und Therapien wurden einfach ignoriert. Kein Wort über alternative Diabetes-Therapien ohne Medikamente. Keine Stärkung der Muskelkraft in meinen Beinen durch rein mechanisches Training. Dabei gibt es in der hoch effektiven und unerlässlichen Physiotherapie so schöne Spielsachen: Motomed zur Stärkung der Beinkraft. Beinpressen.
Beides wurde übrigens schon vor vier Jahren während meines Krankenhausaufenthalts in Vöcklabruck angewandt. Damals konnte ich nur meinen Kopf und die Schultern bewegen, aber meine Therapeuten haben mich trotzdem an den Motomed gesetzt, weil sie der Meinung waren, es würde mir viel bringen. Und recht hatten sie. Danke, Olli und Rutti, falls ihr das lest.
Aber jetzt, vier Jahre später, wo ich bei dem Pedaltreter selbst mitstrampeln könnte, geht es aus irgendeinem Grund nicht. Das hätten wir früher einplanen müssen. Da hätten wir von Anfang an ganz anders vorgehen müssen. Da ist Ihr E-Rolli im Weg. Wie bitte? Ja, normale Stühle gibt es schon, ach so, Sie meinen, sie könnten mit dem Gehbock den Transfer in einen Stuhl machen und dann mit dem Motomed. Ja. Gut. Wollen Sie das ausprobieren? Heute geht es aber nicht mehr, und nächste Woche schaut' s auch schlecht aus. Ich würde sagen, wir machen mit dem Gehbock weiter. Möglichst weit, oder? Oder was sagen Sie?
Die Gehversuche am Gang waren purer Stress für mich. Viele Ablenkungen. Leute kamen mir entgegen oder standen im Weg. Die Therapeutin rief mir ständig Kommandos zu. Aufrecht gehen. Brustbein raus. Ganz locker bleiben. Nicht zu sehr am Gehbock abstützen. Gleich lange Schritte machen. Linken Fuß weit vor den rechten setzen. Mit den Absätzen zuerst auftreten. Vorfüße anheben. Becken nach vorne bringen. Ruhig und entspannt atmen. Geht das schneller?
Wie soll ich das bitte alles machen, wenn meine volle Aufmerksamkeit darauf gerichtet ist, nicht hinzufallen? Meinem Physiotherapeuten in Altenhof fällt so etwas sofort auf. Dann passt er die Übung meiner Sicherheit an. Einige Gmundnerberger Übungen, wie das hochstemmen einer 2 kg schweren Hantel hoch über den Kopf und so tief wie möglich in Richtung Boden. hingegen waren sehr effektiv. Da hat mir nicht einmal die Anstrengung etwas ausgemacht. Meine Kraft und Stabilität sind eindeutig besser geworden. Meine Gehübungen waren nichts anderes als reine Sturzvermeidung. Wenigstens das ist mir gelungen.
Aber egal. Die strapaziösen Therapien sind vorbei, die Reha auch. Am Montag werde ich wohl noch einige Therapien auf dem Plan haben, aber besonders anstrengen werde ich mich nicht mehr. Ich werde mich mit meiner Turnlehrerin aber auch nicht weiter über die Frage Fortschritte oder Rückschritte unterhalten. Ich will wenigstens am letzten Rehatag keinen Ärger haben.
Da man mich vor meiner Abreise am Dienstag sicher fragen wird, wie es mir gefallen hat, kann ich den zuständigen Organen meine Enttäuschung und Kritik nicht ersparen. Ich werde mich bei meinen Beschwerden kurz fassen und niemandem die Schuld zuweisen. Trotzdem muss ich sagen, dass ich von dieser Reha enttäuscht bin. Fortschritte habe ich für die Statistiken gemacht, aber nicht für mein Leben im Alltag. Mit den Krücken komme ich nicht einen einzigen Schritt weiter.
Die wichtigsten Kritikpunkte:
•Keine Fortschritte in der Physiotherapie
•Fortschritte durch andere Therapien fraglich (Redcord, Koordinationsgruppe)
•Keine Steigerung bei der Gangsicherheit
•Arroganz und Ignoranz gegenüber meiner Vorgeschichte
•Inkompetenz bei der Stomaversorgung
•Blutzucker-Warnungen haben mich total verunsichert
•Blutzucker-Warnungen haben Optimismus und Zuversicht zerstört
•Kopf nicht frei für Therapien
•Kein Hinweis auf natürliche Diabetes-Therapien ohne Medikamente
•Schwächung durch Diät
•Generalisierte Angststörung wurde am Gmundnerberg restimuliert
•Aussicht auf gesundheitliche Verschlechterung
Nun aber zum Positiven, zum verdienten Lob für die Reha am Gmundnerberg:
Super Aussicht!
Echt jetzt. Berge, Hügel und ein See. Grüne Graserln. Blauer Himmel mit Schäfchenwolken drauf. Das erholsame Idyll des herrlichen Almpanoramas klebt wie Stomapaste am himmelblauen Hintergrund. Kein lästiges Vogelgezwitscher. Keine keifenden Weiber. Nein, ich korrigiere mich: doch keifende Weiber. Sehr viele sogar. Nicht nur, aber taubstumm war keine. Wobei, stumm alleine hätte auch gereicht. Die Herren der Alm waren dafür ziemlich smooth, unaufgeregt und gelassen.
Es gab aber auch liebreizende Damen. Auch Blumen gab' s im Revier, würde Goethe vielleicht sagen. Besonders die Krankenschwestern und Pflegehelferinnen. Nicht, dass die jetzt glauben, sie wären im vorangegangenen Absatz gemeint. Die Pflege am Gmundnerberg war großartig. Wirklich. Ganz ohne Ironie. Pünktlich, schnell und sauber. Trotz Zeitnot und Überarbeitung. Danke!
So. Mir reicht' s. Moment, einen hab' ich noch.
Reha ist meines Wissens nach die Abkürzung für Rehabilitation. Und das bedeutet soviel wie "Wiedererlangung von Fertigkeiten". Gegoogelt habe ich auch. Die WHO meint: „Rehabilitation umfasst den koordinierten Einsatz medizinischer, sozialer, beruflicher, pädagogischer und technischer Maßnahmen sowie Einflussnahmen auf das physische und soziale Umfeld zur Funktionsverbesserung zum Erreichen einer größtmöglichen Eigenaktivität zur weitestgehenden Partizipation in allen Lebensbereichen, damit der Betroffene in seiner Lebensgestaltung so frei wie möglich wird.“
Na ja. Knapp daneben ist auch vorbei.
Und weil' s so schön war, hab' ich noch einen. Das Beste kommt ja bekanntlich immer zum Schluß. Es ist ein besonders süßes Schmankerl aus dem E-Book "Diabetes Adé" von Markus Brandt (cooler Vorname):
Kann die Ausbreitung von Diabetes Typ-2 durch eine Lebensstiländerung gestoppt werden? Die Deutsche Diabetes Stiftung formuliert dazu wie folgt: „Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass durch einen veränderten Lebensstil nicht nur die Entwicklung eines Typ-2 Diabetes verhindert werden kann. Mehr noch – mit einer konsequenten Lebensstiländerung kann man Typ-2 Diabetes sogar loswerden. Mediziner sprechen in so einem Fall von einer Remission, bei der die Blutzuckerwerte – ohne Medikamente – im Normbereich liegen.“
Hmm. Klingt interessant. Normbereich ohne Medikamente. Hat mir hier keiner gesagt.
Oh, nein! Meine Generalisierte Angststörung klopft gerade an und brüllt mir ins Ohr: "Hilfe! Was soll ich jetzt machen? Bin ich rettungslos verloren? Wetzt der Chirurg schon seine Amputationsklinge? Kann nur die Schulmedizin mit ihren Pillen mein Leben retten? Werde ich ein Opfer der dunklen Seite der Macht und muss den Rest meines Lebens Tabletten schlucken, mit denen man jeden Menschen problemlos in ein hypoglykämisches Koma versetzen kann? Ist die medikamentöse Diabetestherapie gar eine Form der Sterbehilfe? Also, Du lebst doch gerne, Markus, oder? Na klar.
Also hör auf, Süßigkeiten und Kohlehydrate in Dich hineinzustopfen, dann brauchst Du keine Medikamente. Diabetes vom Typ 2 ist nichts anderes als eine Kohlehydratintoleranz. Wenn ein laktoseintoleranter Mensch auf den Verzehr von Kuhmilchprodukten verzichtet, passiert ihm nichts.
Wenn ein kohlehydratintoleranter Mensch auf Weißmehl, Reis und Semmeln verzichtet, sich insgesamt gesund ernährt und Sport betreibt, freut sich seine Bauchspeicheldrüse und funktioniert wieder ganz normal.
Diabetes mellitus Typ 2 ist nichts anderes als eine Unverträglichkeit von Kohlehydraten!"
Das behauptet zumindest die lästige Stimme meiner Generalisierten Angststörung. Oder spricht das Cola aus mir? Versucht es mich gegen die Schulmedizin mit ihren Rezeptblöcken aufzuhetzen?
Ich weiß es nicht. Ich bin ja nur der blöde Patient und muss zittern und bibbern und alles tun, was der Onkel Doktor sagt, weil sonst werden mir alle paar Wochen scheibchenweise die Füße amputiert. Das ist doch ein überzeugendes Argument, oder? Das habe ich kürzlich in einer sogenannten Diabetesschulung gehört. Und auch, dass der Aufbau von Muskelmasse zu einer stark verbesserten Insulinaufnahme führt. Und dass es reicht, den HbA1c-Wert um nur 1% zu senken, um die gröbsten Spätfolgen zu verhindern. Der Vortragende hat auch gesagt, dass er kein Freund der Diabetestabletten ist.
Also, was mache ich jetzt?
Rehabilitation oder Remission?
Ich bin eindeutig für die Remission. Typ-2-Diabetes loswerden und ohne Medikamente in den Normbereich bringen. Normbereich scheint das neue Wort für Heilung zu sein. Denn Heilung darf es in unserer Welt, die von Wirtschaftsinteressen und unterdrückerischen Personen aller Art regiert wird, ja bekanntlich nicht geben. Wo kämen wir denn da hin? Wie soll man denn, bitteschön, das Machiavellische Prinzip anwenden? Teile und herrsche. Das geht nur, indem wir zuerst einen scharfen Keil in die Gesellschaft treiben. Wir verbieten den Menschen, frei zu denken und frei zu sprechen. Wir ersetzen ihre natürliche Art zu denken und zu reden gegen ein Neudenk und Neusprech. So wie bei George Orwell.
Wehe, es spricht jemand von Heilung! Das heißt jetzt gesundheitlicher Normbereich. Die Lebensfreude haben wir gleichgeschalteten und gehirngewaschenen Sklavenherden längst verloren, aber dafür haben wir jetzt umso mehr Lebensqualität.
Ach was, sollen sie doch. Hauptsache, sie denken nicht nach. Sonst könnten sie ja auf die Idee kommen, die abgrundtiefe Kluft in unserer Gesellschaft mit Heilerde aufzufüllen. Man stelle sich das einmal vor! Alt und jung, klug und dumm, arm und reich, schwarz und weiß, dick und dünn, krank und gesund, füllen das Drecksloch der modernen Zivilisation gemeinsam mit der Erde, die voller Freundschaft, Gemeinschaft, Liebe und Heilung ist.
Wie soll man solchen Querdenkern und Quersprechern denn da noch Gift verkaufen, das sie für Medizin halten? Wussten Sie, dass Metformin die Bauchspeicheldrüse dazu anregt, immer mehr Insulin zu produzieren? Dadurch wird sie noch schneller erschöpft und quittiert schließlich ihren Dienst. Nein? Aber jetzt wissen sie es. Metformin schadet der Bauchspeicheldrüse mehr als der Diabetes selbst.
So. Bin müde. Spät geworden. Das letzte Wort hat meine Diätologin, die mir viel Mut und Hoffnung gemacht hat. Sie hat zu mir gesagt, ich darf ab und zu eine halbe Banane essen.
Ausgerechnet Bananen!
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