Samstag, 26. Dezember 2015

Schlechte Luft

Um zehn habe ich Physiotherapie. Ich weiß nicht, was sie heute machen werden. Entweder meine Arme und Beine im Bett durchbewegen, oder wir fahren in den Trainingsraum im Erdgeschoß, und ich mache auf einer Bobath-Liege Rumpfstabilisationsübungen. Ich kann mich sogar schon ein bisschen aus der Seitenlage hochstemmen, weil allmählich die Kraft in den Armen zurückkommt.

Samstag, 19. Dezember 2015

Vormittag auf der Neuro

Ich liege im Bett, auf dem Rücken, und trommle leise mit meinen Fingern auf die Matratze. Gerne würde ich mit etwas mehr Kraft auf das Leintuch unter mir schlagen, aber ich will die anderen fünf Patienten in meinem Zimmer nicht aufwecken. Es ist früher Morgen, kurz vor sechs Uhr. Meine Augen habe ich noch geschlossen, aber ich sehe durch die Lider den matten Glanz, der durch das Krankenhausfenster fällt.

Samstag, 12. Dezember 2015

Übungen in Achtsamkeit

Um das Beste aus Ihrem Leben machen zu können, müssen Sie Ihren Aufenthaltsort kennen. Ich empfehle Ihnen, als Übung herauszufinden, wo Sie sind. Viele Menschen - so wie ich - sind auf der Suche nach sich selbst und finden sich doch nie. Das liegt daran, dass man nichts finden kann, wenn man nicht weiß, wo man suchen soll.

Samstag, 5. Dezember 2015

Tu' s trotzdem!

Die Angst kommt nicht aus heiterem Himmel. Für jeden Augenblick der Angst gibt es einen Auslöser, auch Trigger genannt. Im Englischen ist der Trigger der Abzug einer Pistole oder eines Gewehrs. Er setzt eine Kettenreaktion negativer Gedanken und Emotionen in Gang. Oder er gräbt sich so tief in das Unterbewusstsein ein, dass er noch Jahre später entsprechende Angst- und Panikreaktionen auslöst. Im Volksmund sagt man "Ein gebranntes Kind scheut das Feuer".

Samstag, 28. November 2015

Angst ist ein Affe!

Das Leben mit der Angst zehrt an den Nerven. Es ist reines Gift für Menschen mit dem Guillain-Barré-Syndrom. Schließlich sind es doch die Nerven, die sich erholen sollen. Die schützende Isolierschicht aus Myelin soll sich wieder aufbauen, nachdem das eigene Immunsystem sie fast im ganzen Körper weggefressen hat.

Samstag, 21. November 2015

Brüllen Sie!

Ich habe immer geglaubt, dass man in einer Situation wie meiner Lähmung über sich hinauswächst. Dass jeder, der gelähmt im Rollstuhl sitzt und dessen Chancen auf Heilung ausgezeichnet sind, einen extremen Überlebenswillen entwickelt und von früh bis spät nichts anderes tut, als hart zu trainieren. So ein Mensch hat nichts anderes im Kopf als den Gedanken:
"Ich will so schnell wie möglich aus dem Rollstuhl raus!"

Samstag, 14. November 2015

Die Festung der Einsamkeit

Ich habe die Einsamkeit immer geliebt. Ich habe mich nie allein gefühlt, schon als Kind nicht. Ich hatte zwar Freunde, mit denen ich gerne gespielt habe, aber ich wusste es auch zu schätzen, niemand anderen um mich zu haben. Langweilig war mir nie. Ich hatte immer eine Beschäftigung.